Schädlingsbekämpfer Dennis Kalff

Mein Beruf beinhaltet einfach, Tiere zu töten und ich habe gelernt, damit zu leben.

Schädlingsbekämpfer Dennis Kalff

Dennis Kalff ist Schädlingsbekämpfer – genauso wie sein Vater und sein Opa und sein Uropa es schon waren. Ratten, Kakerlaken und Maden: Dennis kennt sie alle und hat auch die passenden Geschichten parat. Ein Gespräch über Orte, die sonst niemand betritt, sehr alte Leichen und eingeschränktes Mitleid beim Töten.

Haben Sie Haustiere?

Ich nicht. Aber meine Frau und meine Tochter haben Kaninchen. Das ist in unserem Haus ganz strikt getrennt: Wem die Tiere gehören, der muss sie auch sauber machen.

Haben Sie schon mal Tierchen von der Arbeit mit nach Hause genommen?

In 20 Jahren habe ich das tatsächlich zwei Mal geschafft. Einmal ist mir ein Floh in die Hose gesprungen und einmal habe ich einen Brotkäfer mitgenommen.

Und dann?

Dann habe ich beide bekämpft.

Große Katastrophe zu Hause?

Eine kleine Katastrophe.

Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Kammerjäger zu Hause. Aber wenn ich mir vorstelle, ich bräuchte einen, dann würde ich sagen: „Hey, ich bin echt froh, dass Sie da sind, aber auch echt froh, wenn Sie wieder weg sind.“ Ist das nicht menschlich gesehen ein sehr frustrierender Job?

Es freut sich erstmal niemand auf uns, das stimmt. Wir sind ein notwendiges Übel. Wir sollen kommen, schnell das Problem beseitigen und dann will man uns auch nicht wieder sehen. Und unsere Arbeit darf nicht viel kosten.

Und: Frustriert Sie das nicht?

Ach, das sehe ich locker. Ich erwarte da keine große Dankbarkeit oder gar Friedensnobelpreise. Es macht mir Spaß, Menschen zu helfen. Die haben da zu Hause meistens ein echtes Problem, das sie selber nicht gelöst bekommen. Wir kommen dann als Dienstleister und lösen das. Und wenn wir dann fertig sind, freue ich mich. Das ist dann mein persönliches Erfolgserlebnis. Ich bin einfach ein Problemlöser. Fertig.

Was sind denn so „echte Probleme“ in einer Wohnung?

Wir erleben es sehr häufig, dass Leute sich über einen längeren Zeitraum nicht bei uns melden. Die meisten schämen sich, wenn sie Probleme mit Schädlingen haben. Aber je länger sie warten, umso mehr baut sich das Problem ja auf. Es wird größer und größer und am Ende sind nicht 30 Schaben in einer Wohnung, sondern 300 oder noch mehr.

Welcher Befall ist den Leuten am peinlichsten?

Schaben und Bettwanzen. Meistens denken die Leute dann, dass da ein älterer Herr mit grauem Kittel kommt, sein Auto – mit dickem Aufkleber Schädlingsbekämpfer – gut sichtbar für die Nachbarn parkt und einem dann einen Vortrag hält, nach dem Motto: „Wer Ungeziefer hat, ist schmutzig“. Dabei ist das falsch: Das meiste Ungeziefer, was im Haushalt vorkommt, wird durch Lebensmittel, Möbel oder Elektroartikel eingeschleppt. Da ist es völlig egal, ob eine Wohnung sauber oder dreckig ist.

Wenn Sie auf einer Party eingeladen sind: Erzählen Sie dann gerne, was Sie von Beruf sind?

Ach, das muss sich ergeben. Wobei, neulich war ich auf einer Kostümparty und da bin ich natürlich als Rattenfänger von Hameln gegangen. Da war mein Job nicht zu übersehen. Aber normalerweise erzähle ich nicht einfach so los.

Verschweigen Sie Ihren Job lieber?

Nein, natürlich nicht. Ich liebe diesen Job und ich könnte stundenlang darüber erzählen und mache das dann auch, wenn einer fragt. Erst rümpfen die Leute dann die Nase, weil sie selber Maler oder Klempner oder Bänker sind. Da ist dann erstmal Ruhe. Aber dann erzähle ich und plötzlich kommen die ganzen Fragen. Die meisten finden den Beruf dann toll. Dann ist der Maler und der Bänker ganz uninteressant, denn der Schädlingsbekämpfer ist ja der, der die ganzen Geschichten erzählen kann.

Irgendwie erwartet man aber auch einfach nicht, dass ein Schädlingsbekämpfer sagt: Ich liebe meinen Job und dann drauf los plaudert.

Ich bin mit dem Beruf aufgewachsen. Mein Opa und mein Vater waren Schädlingsbekämpfer und ich wollte nie etwas anderes werden. In meiner Familie ist das nicht nur Beruf, sondern auch Freizeit und Hobby. Meine Frau arbeitet auch in meinem Betrieb, im Büro. Wenn wir uns abends zu Hause unterhalten, kommen wir immer wieder auf die Firma. Ich würde schon sagen, dass ich stolz bin, dass ich diesen Beruf machen kann und darf. Er macht mir einfach unheimlich viel Spaß. Ich arbeite mit so unterschiedlichen Menschen zusammen, sitze im Auto und fahre den ganzen Tag durch die coolste Stadt der Welt und komme an Orte, an die sonst niemand kommt.

Wo waren Sie, wo sonst niemand hin kommt?

Neulich war ich im Frauengefängnis. Meine Herren, da war ich echt der König und ein gern gesehener Gast. Oder ich bin in Großküchen unterwegs oder auf Schiffen. Und natürlich sehe ich auch die Bordelle dieser Stadt von innen.

Naja, die könnten Sie auch sehen, wenn Sie Bänker wären.

Ja, aber dann würde meine Frau mir dort nicht die Termine vereinbaren.

Touché! Muss man also für diesen Beruf geboren sein?

Ich glaube, man muss ein bestimmtes Feeling haben.

Was für ein Feeling?

Ich glaube, man muss für den Beruf ein bisschen verrückt sein. Wahrscheinlich so ähnlich, als wenn man Bestatter oder Altenpfleger ist. Also eben so nett verrückt. Die Leute, mit denen wir es zu tun haben, fühlen sich in dem Moment in dem wir kommen, einfach nicht ganz so gut. Da braucht man dann schon Fingerspitzengefühl und muss sensibel sein. Auf der anderen Seite dürfen wir aber auch nicht zu zart sein, denn wir sind ja gleichzeitig auch diejenigen, die die tote Ratte wegräumen müssen.

Bah! Ich könnte keine Ratte anfassen.

Tot oder lebendig?

Au man…

Wir werden manchmal in Wohnungen gerufen, in denen eine Ratte entdeckt wurde. Wenn das Töten per Gift zu lange dauert, müssen wir sie lebendig fangen. Das sind dann extreme Situationen, echte Kämpfe, Mensch gegen Tier. Wenn ich dann da mit meinem Fangnetz zugange bin, dann habe ich echten Respekt, denn die Viecher können ziemlich doll zubeißen.

Ihre Ekelgrenze scheint mir definitiv verschoben. Aber gab es auch bei Ihnen mal eine Situation, die Sie fast umgehauen hat?

Ich wurde vor einiger Zeit mal in die Gerichtsmedizin gerufen. Der Kollege dort machte den Kühlschrank auf, zog die Trage raus und zeigte mir den abgetrennten Kopf einer weiblichen Leiche. Aus dem Kopf purzelten die Maden nur so raus. Der Kollege meinte dann: „Wir brauchen Ihre Hilfe, damit die nicht aus dem Kühlschrank kriechen.“ Da musste ich mich einen Moment sehr zusammen reißen. Aber vielleicht war mir auch einfach nur schlecht, weil ich bei Burger King Mittag gegessen hatte.

Oh mein Gott. War das Ihr krassester Einsatz?

Es gibt immer Aufträge, die nicht so angenehm sind. Wir haben jede Woche mit ekeligen und auch schlimmen Aufträgen zu tun. Es kommt mittlerweile alle zwei bis drei Wochen vor, dass wir in Wohnungen gerufen werden, in denen seit längerer Zeit Leichen liegen.

Was kommt in solchen Wohnungen auf Sie zu?

Als erstes bemerkt man da diesen unheimlich schlechten, beißenden Geruch. Meistens riecht es in diesen Wohnungen süßlich nach Marzipan, aber eben sehr extrem. Wir sehen dann das ganze Bild: den Toten, das Ungeziefer, man sieht teilweise Rückstände der toten Person, also Hautstücke oder Haare, die auf dem Boden liegen. Und dazu sieht man, wie die Leute gelebt haben, sieht Fotos, Bücher und man kann auch relativ schnell einschätzen, ob jemand alleine oder mit Angehörigen gelebt hat.

Mit welchen Tieren haben Sie es dann zu tun?

Erstmal mit Fliegen. Das können schon mal Tausend in einem Raum sein. Das ist wie mit einem toten Vogel auf der Straße. Da kommen auch erst die Fliegen und dann, je nach Temperatur dauert das ein bis zwei Wochen, die Maden. Und häufig krabbeln die Maden dann von der Wohnung ins Treppenhaus und in die Nebenwohnung rein. Wenn ein Toter wirklich lange liegt, kommen die Speckkäfer. Die wandern durch den toten Körper und verbreiten sich dann im ganzen Haus. Ich denke mir immer, dass das für uns gar nicht so schlimm ist. Wir kommen und gehen wieder. Aber die Nachbarn, die haben da meistens wirklich länger was von. Und natürlich die Angehörigen. Das finde ich dann manchmal schon sehr bitter, wenn die einen lieben Menschen verloren haben und die nicht nur den Bestatter, sondern auch den Insektenvernichter bezahlen müssen.

Gibt es eine Leiche, deren Bild Sie nicht mehr loslässt?

Wir hatten es mal, dass jemand 5,5 Jahre tot in seiner Wohnung lag. Von dem Menschen war nicht mehr viel übrig. Das waren eigentlich nur Reste und Knochen und Kleider, aber der Mensch an sich war total zusammen gefallen und natürlich waren auch die Tiere weg. 5,5 Jahre, das ist echt eine lange Zeit. Da war ich sehr traurig. Wie kann es sein, dass jemand über eine so lange Zeit nicht vermisst wird? Das hat mich schon beschäftigt.

Kommen wir mal vom Tod zum Töten. Ist es nicht wahnsinnig ungerecht, dass wir die einen Tiere ganz super-süß zum Hundefriseur bringen und wir die anderen ekelhaft finden und sie einfach so abschlachten?

Wir töten diese Tiere ja aus gewissen Gründen. Sie können Krankheiten übertragen, Allergien auslösen und sie machen Verunreinigungen. Da finde ich es nicht ungerecht, sie zu töten. Es ist sogar teilweise gesetzlich vorgeschrieben.

Also haben Sie kein schlechtes Gewissen?

Nein, gar nicht.

Macht es für Sie einen Unterschied, eine Ratte oder eine Bettwanze zu töten?

Ich glaube, bei den kleineren Insekten macht man sich noch weniger Gedanken. Die Ratte ist größer und der kann man durchaus noch mal in die Augen schauen.

Mitleid?

Nein, das nicht. Aber so eine Ratte bekommt vom Sterben wahrscheinlich mehr mit, als so eine kleine Bettwanze. Ich glaube, je größer das Tier ist, umso eher kann man ein Gefühl dazu entwickeln. Aber mein Beruf beinhaltet einfach, Tiere zu töten und ich habe gelernt, damit zu leben. Ich töte die Tiere nicht, weil ich scharf auf das Töten bin, sondern weil diese Tiere uns Menschen gefährlich werden können.

Haben Sie einen Lieblingsschädling?

Ja. Kakerlaken. Die können einiges ab und man muss nachdenken, welche Mittel man einsetzt, weil die verdammt anpassungsfähig sind. Für Kakerlaken habe ich echt Respekt. Die finde ich toll.

Was bedeutet Erfolg für Sie?

Erfolg ist, wenn der Auftraggeber zufrieden ist. Und wenn ich sehe, dass meine Ziele aufgehen. Unser Betrieb steht auf sehr soliden Füßen und das macht mich stolz.

Welcher Schädling bringt am meisten Geld in die Kassen?

Wahrscheinlich im Verhältnis Bettwanzen. Das dauert echt, bis die weg sind. Tagsüber verkriechen die sich überall hin, an Plätze, an die wir gar nicht dran kommen. Wir sprühen dann das Bett und alles drum herum mit Gift ein. Das Gift wirkt aber nur, wenn die Tiere auch wirklich darüber laufen. Also muss man sie aus ihrem Versteck locken. Da sich Bettwanzen an der Körperwärme orientieren, ist es am einfachsten, wenn die Besitzer in dem betroffenen Bett schlafen. Dann kommt die Bettwanze wenn sie wieder Hunger hat aus ihrem Loch, beißt den Menschen, läuft aber auch über das Gift und schläft für immer ein.

In diesem Bett würde ich keine Minute mehr schlafen.

Müssten Sie dann aber, weil die Dinger sonst nicht weg gehen. Die Methode funktioniert einfach sehr gut. Man muss das Bett nur mehrmals einsprühen, damit am Ende auch alle Wanzen aus ihren Verstecken gelockt werden und das kostet dann eben. In Einzelfällen durchaus ein- bis zweitausend Euro. Ein schöner Auftrag für uns – aber eben nicht für die Bettbesitzer. Solche Haustiere braucht kein Mensch.

 
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Julia Kottkamp Gründerin und Autorin Julia Kottkamp

Julia hat Journalistik studiert und arbeitet als Texterin und Kommunikationsberaterin. In ihrer Arbeit geht es immer um das Gespräch mit Menschen. Zuhören, verstehen und daraus Kommunikation entwickeln.

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