Barkeeper Richard Dührkohp

Es gibt keine echten Männer was Getränke angeht.

Barkeeper Richard Dührkohp

Richard Dührkohp ist Barkeeper und steht damit, wie er selbst sagt, in der Tradition der alten Medizinmänner. Außerdem muss er Manager sein, Entertainer und natürlich Psychologe. Ein Gespräch über Champagnergläser die fliegen lernen, Sex an der Bar und das Verdünnen von Liebeskummer.

Geschüttelt oder gerührt?

Kommt auf den Drink an.

Und James Bond?

Geschüttelt, nicht gerührt. Er trinkt zwar einen starken Martini Cocktail, aber dadurch, dass er ihn schütteln lässt, entsteht mehr Schmelzwasser und der Drink wird weicher. Geshakte Drinks sind immer weicher als gerührte.

Denkt ein Barkeeper ähnlich schlecht über alkoholfreie Cocktails, wie ich als Fleischfresser über vegane Currywürste?

Es geht letztendlich darum, den Gast glücklich zu machen. Und wenn er zufrieden mit einem alkoholfreien Drink ist, dann finde ich das legitim. Teilweise kriegst du ja sonst nur Cola, Fanta, Sprite und vielleicht noch ein Bitterlemon und Wasser.

Also beleidigt dich die Zubereitung von Fruchtsaft nicht?

Überhaupt nicht! Also wenn wir jetzt anfangen, vegane alkoholfreie Cocktails zu machen, dann wird es noch mal etwas spezieller, aber die Nachfrage gab es bis heute noch nicht.

Wem würdest du gerne mal einen Drink mixen?

Auf keinen Fall einem anderen Barkeeper. Die sind schwer zufrieden zu stellen. Aber Angelina Jolie wäre mal cool.

Und was würdest du ihr servieren?

Ich denke irgendeine Abwandlung vom Cosmopolitan. Sie ist ja eine starke, charaktervolle Frau, die im Endeffekt genau weiß, was sie will. Ein Cosmopolitan, klassisch gemixt, ist auch ein starker kräftiger Drink. Die beiden passen hervorragend zusammen.

Und du und Angelina?

Wie meinst du das?

Wie oft bleibt der Barkeeper „nur“ der Barkeeper?

Achso… Also das kommt auf den Barkeeper an. Manche lassen sich gerne abschleppen und manche nicht so gerne. Manche kriegen jeden Abend eine Telefonnummer und manche nie. Das hat vor allem mit der Ausstrahlung und dem Charakter hinter dem Tresen zu tun. Aber ja, man hat es einfacher.

Angenommen, ich möchte jemanden an der Bar anquatschen. Was sollte ich bestellen?

Ich würde etwas machen, was du selber gerne trinkst.

Und übergibt das dann der Barkeeper? Ich habe das noch nie gemacht…

Also, das ist ein Thema, da unterscheidet sich dann sehr wohl ein weiblicher von einem männlichen Gast. Wenn ein männlicher Gast etwas für einen weiblichen Gast bestellt, dann gehen wir zuerst zu der Dame und fragen sie, ob es für sie genehm ist, wenn der Herr ihr einen Drink ausgibt. Und das fragen wir aus Anstand und bevor wir den Drink zubereiten. Andersherum klären wir nur, ob wir den Drink servieren sollen oder ob die Dame das selber machen möchte. Männer werden nicht gefragt. Voll ungerecht.

Wie oft lehnen Frauen eine Einladung ab?

Mehr als die Hälfte lehnt ab. Es ist heutzutage nicht mehr so wie früher, dass sich Frauen gerne was von Männern ausgeben lassen. Das hat sich ein bisschen geändert.

40 Stunden - Bar mit Blick über den Hafen

Was war der blödeste Anmachspruch, den du jemals mitbekommen hast.

Man hört echt noch oft diese Standarddinger, wo mittlerweile echt jeder wissen sollte, dass die nicht gehen. Dein Vater hat die Sterne vom Himmel geklaut… solche Geschichten. Und ich möchte sagen: „Männer, es funktioniert nicht. Genauso wenig wie antouchen. Lasst das, das mag keine!“

Wie viel Sex siehst du kommen und gehen?

Sex? Also man sieht schon jeden Abend ein paar Pärchen, die hier sitzen und was anderes machen, als sich zu unterhalten. Natürlich im anständigen Bereich. Aber da weißt du schon, was nach der Bar kommt. Ansonsten beobachtet man ganz viele Blinddates. Das sind die Leute, die alleine an der Bar sitzen und ständig aufs Handy gucken.

Was passiert bei einem Blinddate hinter der Bar? Was macht ihr Jungs daraus?

Haha, wir machen da gar nichts draus. Echt nicht! Wir sind da diskret und da lege ich auch wirklich viel wert drauf, dass sich das Team da nicht den Mund zerreißt. Jeder Gast hat das Recht auf Diskretion und Anstand und als Barkeeper musst du das vorleben.

Was ist Erfolg in deinem Job?

Es war für mich ein riesen Erfolg, als ich in der Lehre meine erste Bloody Mary serviert habe und der Gast mich dafür bezahlt hat. Ich habe ihn in dem Moment glücklich gemacht und ihm genau das gegeben, was er wollte. Und heute habe ich Erfolg, weil ich diese Bar manage und ich so viele Leute glücklich machen kann.

Leute glücklich machen kann man ja total vielfältig, egal ob privat oder professionell. Warum machst du es mit Drinks?

Weil ich ein sehr kreativer Mensch bin, ich aber z. B. nicht das Talent habe, irgendwelche Bilder zu malen. Ich liebe es, Cocktails zu erfinden, zu kreeiren und zu Dekorieren.

Wir haben mal einen Friseur interviewt, der dafür plädiert hat, in der Berufsschule auch ein bisschen Psychologie zu lernen. Barkeeper sind auch kleine Psychologen, oder?

Ja, definitiv. Im Gegensatz zum Friseur kommt bei uns ja noch dazu, dass einige Gäste unter Einfluss von Alkohol stehen und dementsprechend man noch mehr Details erfährt, die man vielleicht gar nicht so wissen möchte. In meiner Ausbildung kam jedes Jahr am selben Tag ein Herr. Es war der Todestag seines Sohnes. Und das war dann schon ein bisschen schwer zu verkraften.

Wie gehst du mit diesen Begegnungen um?

Ich empfinde das eigentlich für mich als Bereicherung, weil man schon ein stückweit die Erfahrungen seiner Gäste auch auf sein eigenes Leben transportieren kann. Den Liebeskummer dieser Welt kenne ich. Leute glauben zu oft, dass Schmerzen sich verdünnen lassen.

Was war die krasseste Geschichte, die dir sonst mit einem Gast passiert ist?

Einmal hat eine Frau mir ihren Champagner ins Gesicht geschüttet und mit dem Glas nach mir geworfen. Sie hat sehr gerne Champagner getrunken, aber hat nicht gerne dafür bezahlt. Das haben wir durchschaut. Sie hat nämlich im Grunde immer nur die Hälfte getrunken und hat das Glas dann zurück gehen lassen, von wegen der Champagner wäre warm und schal. Das hat sie bei ein paar Kollegen gemacht. Ich habe dann die Dame darüber aufgeklärt, dass wir das jetzt durchschaut hätten und dass ich ihr jetzt gerne noch ein bisschen einschenke und damit sei es dann gut. Und dann hatte ich den Champagner im Gesicht.

Was magst du an betrunkenen Menschen?

Die Ehrlichkeit. Ein Gast der betrunken ist, ist so ehrlich wie ein kleines Kind.

Du merkst das wahrscheinlich, wenn jemand Alkoholiker ist, oder?

Ja.

Und gibst du ihm Alkohol?

Ja. Der Gast ist frei, und wenn er einen Schritt in meine Bar macht, dann kriegt er von mir auch den Alkohol, den er will.

Hast du da ein schlechtes Gewissen?

Nein, der Gast hat sich bewusst entschieden, in die Bar zu kommen. Er lebt seinen Alkoholismus bewusst für sich hier an diesem Ort aus. Sowas darf mich nicht nachdenklich machen, sonst würde der Job nicht funktionieren. Und letztendlich glaube ich auch, dass es für den Gast von Vorteil ist, in der Öffentlichkeit zu trinken, anstatt alleine zu Hause. Was ich auf keinen Fall bei Alkoholikern tue, ist das Trinken zu fördern. So jemand muss jeden Drink klar und deutlich selbst bestellen.

40 Stunden - Blick ins Restaurant

Und wenn ihr „normale“ Gäste habt, schürt ihr da, dass die mehr trinken?

Klar, wir müssen ja Umsatz machen.

Und wie macht ihr das?

Naja, wir verkaufen halt. Das ist ja das Schöne mit Cocktails. Ich kann dir genau auf deinen Geschmack was zubereiten.

Das heißt, da spielt man auch den Charme aus, so nach dem Motto, „extra für dich“…

Ja, selbstverständlich.

Prostituiert man sich da auch ein bisschen als Barkeeper?

Das ist aber hart. Aber… Es ist immer ein Geschäft, ein Geben und ein Nehmen.

Prostitution ist auch ein Geschäft…

Ja, auch ein Geben und Nehmen. Wenn man das so ausdrücken möchte… Das Wort gefällt mir nicht, aber man kann es so ähnlich letztlich schon ausdrücken.

Ich muss jetzt mal was Persönliches los werden. Mein Bruder und seine Jungs lieben Pina Colada. Ich habe gesagt, dass einem Mann, der solche Drinks zu sich nimmt, bei jedem Schluck langsam die Eier abfallen.

Ich muss dir sagen, dass es keine echten Männer gibt, was Getränke angeht. Es gibt ja auch Frauen, die extrem harte Drinks bestellen. Also ich kann aus Erfahrung sagen, dass es keine Typologien zwischen Männern und Frauen gibt.

Dann entschuldige ich mich hiermit bei Frank, Sven-Oliver und meinem kleinen Bruder. Aber auch nur, weil James Bond auch ein Weichei-Trinker ist. Ich brauche jetzt nen Drink. Sag mir, was ich nehme!

Ich würde tippen, du nimmst nen Mojito aber elegant und geil gemacht.

Bist du krass. Das stimmt. Wie machst du das?

Ich glaube das ist Lebenserfahrung oder Joberfahrung. Du studierst halt die Leute. Es ist schwierig auf den wirklich ersten Eindruck was zu sagen. Aber wenn du dich ein bisschen mit der Person unterhältst, dann hat man eine Tendenz, die zu 80% passt.

Kontakt zu Richard Dührkohp: www.clouds-hamburg.de

Text: Julia Kottkamp
Fotos: Romy Geßner

40 Stunden - Mojito elegant und geil
40 Stunden - Kollage - Richi shaket einen Drink
40 Stunden - Richi dekoriert einen Drink
40 Stunden - Mojito in Vorbereitung
40 Stunden - Elbphilharmonie-Ausblick und Regal mit Flaschen
40 Stunden - Kollage - Blick hinter die Bar und Richi misst für einen Drink ab
40 Stunden - Frisches Obst steht bereit für Drinks
40 Stunden - Erdnüsse im Glas
40 Stunden - Barkeeper - Richard Dührkohp

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Julia Kottkamp Idee und Redaktion Julia Kottkamp

Julia hat Journalistik studiert und arbeitet als Texterin und Kommunikationsberaterin. In ihrer Arbeit geht es immer um das Gespräch mit Menschen. Zuhören, verstehen und daraus Kommunikation entwickeln.

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Romy Geßner Fotografie Romy Geßner

Romy ist freiberufliche Fotografin und Diplom-Übersetzerin. Ihre große Leidenschaft sind Bilder von Menschen in ihrer Arbeitsumgebung. Sie steht für authentische Portrait- und Businessfotografie und sie liebt Reportagen.

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