Hebamme Sophie-Elisabeth Theuerkauf

Wenn eine Hebamme so arbeiten muss, bleibt der Respekt auf der Strecke.

Hebamme Sophie-Elisabeth Theuerkauf
40 Stunden - Hebamme untersucht den Nabel des Säuglings

Sophie-Elisabeth Theuerkauf ist Hebamme. Sie sagt, dass ohne Leidenschaft der Job heute nicht mehr zu machen wäre. Ein Gespräch über ohnmächtige Väter, das mangelnde Selbstbewusstsein von werdenden Müttern und die Schattenseiten eines vermeintlich romantischen Berufes.

Als ich nach Ostern aus dem Skiurlaub zurück kam, hatte ich plötzlich ein Baby. Beziehungsweise haben meine Nachbarn Nachwuchs bekommen und nun probe ich jede Nacht sozusagen den Ernstfall. Muss man sich eigentlich aus moralischen Gründen über jedes Kind freuen?

Kinder sind anstrengend und das bleibt auch immer so. Und deshalb darf man sich auch mal nicht freuen. Ich glaube aber, man sollte sich grundsätzlich über das Leben freuen. Sonst wird es prekär.

Wie vielen Kindern hast du schon auf die Welt geholfen?

Ich schätze circa 300 Kindern.

Und wie viele ohnmächtige Väter hast du gesehen?

Nur einen. Der war so aufgeregt, dass sein ganzes Herz-Kreislaufsystem komplett gesponnen hat. Das war nicht so lustig, da wir in der Situation uns echt nicht um die Väter kümmern können, weil die Mütter uns brauchen. Aber die Ohnmacht der Väter ist auch ein Mythos. Das kommt echt nicht so oft vor.

Wieviel Angst haben Frauen vor einer Geburt?

Die Angst der Frauen nimmt in meiner Wahrnehmung heute zu. Und dabei geht es gar nicht so sehr um die Geburt selber, als vielmehr um die Unkontrollierbarkeit. Zumindest beim ersten Kind lässt sich eine Frau auf etwas ein, das sie noch nie in ihrem Leben vorher erlebt hat. In unserer Zeit ist es sehr ungewöhnlich, mal nicht zu wissen, was auf einen zu kommt. Mein Eindruck ist, dass je gebildeter die Frauen sind, umso größer ist die Angst vor der Geburt.

Im Ernst. Das ist doch verrückt.

Es ist die Realität. Und dann gibt es auch Frauen, die erwarten, dass wenn sie in den Kreißsaal gehen und ein Kind bekommen, die anderen – sprich auch die Hebammen – das für sie „übernehmen“. Es gibt doch schließlich Schmerzmittel und dann kommt das Kind schon irgendwie raus – so denken manche. Aber die Geburt eines Kindes ist immer noch bestimmt durch die ureigene Kraft der Frau. Das wird heutzutage viel zu oft vergessen. Irgendwie geht uns dieser Instinkt verloren. Frauen geben viel zu oft ihre ureigene Intuition ab, vertrauen nicht auf ihre eigentlichen Gefühle und lassen dann auch einfach mit sich machen. Beim zweiten Kind werden die Frauen dann wieder selbstbestimmter, weil sie besser wissen, was sie wollen und brauchen und besser darauf vertrauen können.

Wir hatten ja jetzt schon einige Interviews und mir scheint so langsam, dass es ein trauriger Trend unserer Zeit ist, dass wir immer weniger unsere eigenen Bedürfnisse und Gefühle spüren – zumindest sprachen der Tätowierer, die Yogalehrerin und jetzt du darüber. Was ist los mit unserem „Selbst-Bewusstsein“ – um dieses Wort mal aus der Ego-Schublade rauszuholen?

Wir fühlen uns definitiv nicht mehr richtig und das ist gerade in der Geburtshilfe ein riesiges Problem. Und dann gibt es wie ich finde noch eine weitere sehr negative Entwicklung: Heute ist das Gründen einer Familie nichts mehr, was im Fluss des Lebens passiert sondern es wird zum Projekt erklärt. Und ein Projekt muss möglichst optimal ablaufen. Früher wurde ein behindertes Kind unter fünf Geschwistern einfach mitgetragen. Heute kriegen wir nur noch ein bis zwei Kinder und die sollten dann aber bitte auch möglichst gesund sein und Abitur machen und erfolgreich werden und uns einfach glücklich machen. Es gehört zu unserer Zeit dazu, dass Kinder immer mehr zu Optimierungsprojekten im Leben der Eltern werden. Und das macht es echt schwierig.

Mit dem Tätowierer haben wir neulich auch über Schmerzen gesprochen. Er hatte eine sehr positive Einstellung zum Thema Schmerz und zog eine Verbindung zu der Geburt und meinte, eine Mutter könnte ihr Kind nur so sehr lieben, weil sie sich durch die Geburt gekämpft hat und solche Schmerzen für das kleine Leben ausgehalten hat. Wie siehst du das?

Der Schmerz bei einer Geburt ist ein völlig anderer, als wenn man sich ein Bein bricht. Der Geburtsschmerz ist nicht permanent da sondern wird immer wieder von Pausen unterbrochen. In der Pause hat der Körper die Möglichkeit, sich bei klarem Verstand zu erinnern, woran er gerade arbeitet und dass das ein ganz großartiger Prozess ist. Die Frauen sind während der Geburt wie zwei unterschiedliche Wesen – von der einen auf die andere Minute. Das ist sehr faszinierend. Und der Schmerz wird gebraucht, um einen Hormoncocktail im Körper entstehen zu lassen, um dann tatsächlich auch dieses erkämpfte Kind wirklich lieben zu können und als Geschenk anzunehmen – da hat der Tätowierer Recht. Das mag archaisch klingen, ist aber einfach so. Ich finde es heute total schwierig, einerseits dieser Natürlichkeit zu folgen und andererseits auch zu sagen, dass es die moderne Medizin mit all ihren Möglichkeiten gibt auch weniger Schmerzen aushalten zu müssen – zum Beispiel über das Legen einer PDA. Es gibt einfach Menschen, die haben sich so in ihrem Leben eingerichtet, dass sie viel zu große Angst haben und deswegen zum Beispiel einen geplanten Kaiserschnitt wollen. Es gibt echt alles und am Ende muss jeder für sich gucken, was der beste Weg für ihn ist.

40 Stunden - Kollage - Sophie nimmt Maß

Warum wolltest du Hebamme werden?

Ich habe mich schon als kleines Mädchen von schwangeren Frauen magisch angezogen gefühlt, und das, obwohl ich als jüngstes Geschwisterkind meine Mutter nie schwanger gesehen habe. Immer wenn ich eine schwangere Frau gesehen habe, war ich davon fasziniert. Und irgendwann habe ich einen Zeitungsartikel über eine freiberufliche Hebamme gelesen und da wusste ich, dass das mein Beruf sein wird.

Kannst du dich dann noch an „deine“ erste Geburt erinnern?

Ich kann mich an die erste Geburt in meiner Ausbildung erinnern. Das war nicht so eine schöne Geburt und ich war sowieso ziemlich geschockt, wie es im Kreißsaal abging.

Was hat dich so geschockt?

Es ging mir vor allem um die Behandlung der Frau. Auf eine gewisse Weise war sie ausgeliefert und wurde nicht sehr respektvoll behandelt.

Was heißt das?

Respektlos wird es für mich, wenn zu viel über den Kopf der Mutter hinweg entschieden wird und nicht geschaut wird, was sie wirklich braucht sondern einfach gehandelt wird. Im Kreißsaal einer Klinik betreut eine Hebamme teilweise drei Geburten gleichzeitig. Das lässt keine respektvolle und individuelle Begleitung der Paare und Familien zu. Da fehlt unserem Staat das Geld und deshalb gibt es in den Kliniken einen enormen Personalmangel und die Bezahlung von freiberuflichen Hebammen ist so miserabel, dass sie sich teilweise die Versicherung nicht mehr leisten können. Die Klinikarbeit verlangt oftmals etwas ganz anderes von uns Hebammen, als es uns eigentlich in der Brust schlägt. Es gibt Situationen, da musst du handeln ohne groß zu fragen – zum Beispiel wenn es um Leben und Tod geht. Aber ansonsten ist das ein sehr individueller Prozess, der echte Aufmerksamkeit braucht.

Dennoch hast du ja viele erlebt. Wie ist das, tagtäglich mit Menschen in derartigen Ausnahmezuständen zu tun zu haben?

Im Moment betreue ich keine Geburten und bin aus privaten Gründen „nur“ in der Vorsorge und in der Wochenbettbetreuung tätig. Als ich aber noch im richtigen Klinikbetrieb aktiv war, habe ich mich für einen Teilzeitjob entschieden. Ganz ehrlich: Ich hätte das nicht jeden Tag gekonnt. Jeden Tag volle Pulle Geburten schruppen, das ist ein Knochenjob. Du trägst die Verantwortung auf deinen Schultern für diese kleinen Familien, für die Frauen. Du trägst die Verantwortung für dich selber und musst aufpassen, dass du regelmäßig aufs Klo gehst und was trinkst, damit du noch bei Sinnen bleibst. Ich sage dir, im Kreißsaal geht es zur Sache. Das ist Hochleistungssport. Ich weiß von meinen Kolleginnen, wie sehr die im Moment keulen müssen. Das ist eine Zumutung für unseren Berufsstand. Und gleichzeitig für die Frauen, die so ihr Kind bekommen müssen. Wenn eine Hebamme so arbeiten muss, dann bleibt der Respekt zwangsläufig auf der Strecke.

Wie bist du damit umgegangen, wenn einem Baby mal etwas passiert ist und eben nicht Freude am Ende der Geburt überwiegt sondern Trauer?

Das sind extrem schockierende Momente. Meistens sind das absolute Ausnahmesituationen in denen man einfach handelt. Im ersten Moment ist da nicht viel Zeit für Gefühle und Loslassen oder gar Verarbeiten. Wenn es einem Kind nach der Geburt schlecht geht, dann sind wirklich alle hoch sensibilisiert – die Hebammen, Ärzte, Anästhesisten, Kinderärzte. Und dann sitzt du natürlich nach deiner Schicht da und trinkst Kaffee und telefonierst rum, wie es dem Kind geht. Und am nächsten Tag sucht man das Gespräch mit den Eltern. Da geht es dann auch um die gemeinsame Aufarbeitung. Während meiner Zeit in der Klinik ist zum Glück kein Baby während oder kurz nach der Geburt verstorben. Aber ich habe Frauen mit Totgeburten begleitet, was sehr schlimm ist. Hebamme sein, bedeutet nicht nur, Leben auf die Welt zu bringen. Es kann auch bedeuten, für Frauen da zu sein, die sich gegen Leben entschieden haben und es zu einem Spätabbruch kommt, weil ein behindertes Kind nicht auf die Welt kommen soll. Das gehört zu unserem Job dazu. Wir müssen das immer wieder reflektieren. Das ist nicht alles rosarot. Das kann auch ziemlich bitterer Alltag sein.

40 Stunden - Kollage - Sophie untersucht ein Kind auf dem Wickeltisch

Was lehrt dich dein Beruf für dein Leben?

Dass es keine Standards gibt. Und dass Menschen unglaublich individuell in Ausnahmesituationen reagieren. Und er lehrt mich Demut vor dem Leben und vor der Unkontrollierbarkeit des Lebens. Wir haben einfach nicht alles in der Hand. Wir versuchen das zwar und geben uns unglaublich viel Mühe, aber es geht einfach nicht alles so, wie wir uns das wünschen. Manche Dinge muss man auch Loslassen können.

Was bedeutet Erfolg für dich?

Wenn ich das Gefühl habe, dass die kleine Familie – gerade nach der Wochenbettzeit – auf einem guten Weg ist. Wenn in dieser extremen Veränderungsphase diese kleine Familie sich selbst gefunden hat. Es ist für mich Erfolg, wenn ich dabei war und ich mit ganz kleinen Hilfestellungen viel erreichen konnte. Dann freue ich mich. Und dann mache ich auch gerne die Tür zu und lasse die Familien in ihren Leben zurück. Klar, ist das immer auch ein kleiner Abschied. Aber es gibt auch Raum für Neues.

Als ich zur Welt gekommen bin, haben die Ärzte zu meinen Eltern gesagt, dass aus mir wohl ein kleiner Kämpfer wird, der zu Sturheit neigen wird. Kann man echt anhand einer Geburt den Charakter eines Kindes vorher sagen?

Ja, ein bisschen schon. Und manchmal treffe ich Eltern, die sagen, dass gewisse Prophezeiungen tatsächlich eingetreten sind. Die kleinsten Babys bringen schon ganz viel mit und es ist nicht so, dass erst die Eltern ein Kind formen. Gerade in der Wochenbettzeit sage ich Eltern oft, dass es absolut krass ist, was sie erleben. Ein Kind kriegen ist so, als ob plötzlich jemand mit gepacktem Koffer vor deiner Tür steht. Du wusstest zwar, dass jemand kommt, aber du weißt nicht, was der zu essen mag, wann er aufs Klo muss und ob er gerne lange schläft oder Frühaufsteher ist. Am Anfang wissen Eltern einfach nichts und müssen damit klar kommen. Es ist eine absolute Herausforderung an jeden, diese Empathie zu lernen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das auch eine Herausforderung für Nachbarn ist.

So eine kleine Familie muss erst ihren Rhythmus finden. Jedes Kind hat doch seine eigene Persönlichkeit. Und du kannst beweisen, dass du wirklich ein Kämpfer bist.

Kontakt zu Sophie-Elisabeth Theuerkauf: www.hebamme-linden.de

Text: Julia Kottkamp
Fotos: Romy Geßner

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Julia Kottkamp Gründerin und Autorin Julia Kottkamp

Julia hat Journalistik studiert und arbeitet als Texterin und Kommunikationsberaterin. In ihrer Arbeit geht es immer um das Gespräch mit Menschen. Zuhören, verstehen und daraus Kommunikation entwickeln.

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Romy Geßner Fotografie Romy Geßner

Romy ist freiberufliche Fotografin und Diplom-Übersetzerin. Ihre große Leidenschaft sind Bilder von Menschen in ihrer Arbeitsumgebung. Sie steht für authentische Portrait- und Businessfotografie und sie liebt Reportagen.

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5 Kommentare

  1. 28. April 2016 G. Oberth sagt:

    Der Artikel ist sehr interessant, allerdings werden manche Themen, wie das Verarbeiten von „Dramatik“, nur sehr oberflächlich angerissen. Da fehlte mir das Nachfragen nach dem Wie, gerade unter dem Bilde, wie überlastet Hebammen sind. Ist da nicht gar die Notwendigkeit zum „Abstumpfen“ bzw zur Routine gegeben, damit eine Hebamme das Positiv besser vermitteln kann?
    Gänzlich ausgeklammert wurde leider auch die Relation Gynäkologe Hebamme, zumal eine Hebamme x.000 Geburten aktiv vorbereitet, begleitet und nachbetreut, ein Gynäkologe x00.
    Schade, da wäre auch angesichts der Fragenflut deutlich mehr möglich gewesen

    1. Lieber Herr Oberth, Danke für Ihren Kommentar und Ihre „Fragenflut“ auf Facebook. Ich kann verstehen, dass Sie enttäuscht sind, dass wir leider nicht jede Ihrer Anregungen in das finale Interview integrieren konnten – die eigenen Fragen liest man doch am liebsten. Man hätte sicher noch dies und das und noch den Aspekt und noch das Thema aufnehmen können. Haben wir aber nicht. Wir fanden Sophie im Zusammenhang mit ihrem Beruf so am stimmigsten. Wir sind 40 Stunden – keine wissenschftliche Publikation mit Anspruch auf Vollständigkeit. Wir begegnen Menschen und hören hin und schreiben auf, was wir spannend finden. Das ist unser Anspruch. Nicht mehr und nicht weniger. In diesem Sinne: Bleiben Sie unser treuer Fan und stellen Sie weiter Fragen! Julia Kottkamp

  2. 28. April 2016 G. Oberth sagt:

    Ja, da muß ich Ihnen zustimmen, dass das Interview in sich geschlossen und stimmig ist.
    Dennoch sehe ich die Spannungsfelder Gebärende-Hebamme und Hebamme-Gyn nur gestreift, auch wenn deutlich wird, wie schwer es Hebammen trotz der enormen Verantwortung haben. Und ja, sie verdienen allen Respekt für die tagtäglichen Leistungen.

    Natürlich bleibe ich gerne leidenschaftlicher Leser Ihrer sehr guten Interviews.
    PS: ich meinte mit Fragenflut nicht die meinen! Vielmehr die sehr zahlreich im Vorfeld gestellten Fragen in Summe

  3. 30. April 2016 Marion Scheele sagt:

    Liebe Sophie!

    Das ist ein ganz wunderbarer Tiefflug durch unser Hebammendasein. Du hast das sehr sympathisch und auch authentisch auf den Punkt gebracht. Wunderbar, mit wieviel Leidenschaft du unseren Alltag beschrieben hast. Du hast mich echt mitgenommen, denn genau so läuft es doch fast überall. Wertschätzung und Respekt brauchen einfach Zuwendung! Danke für diesen großartigen Beizrag und viele liebe Grüße aus Kassel!

  4. 30. April 2016 Nicoletta sagt:

    Hallo, ich habe das Interview interessiert gelesen. Es ist zum Teil leider doch etwas an der Oberfläche geblieben. Zudem ermüden mich bestimmte Aussagen, z.B. dass gebildete Frauen mehr Angst vor der Geburt haben. Dazu gibt es keine belastbaten Zahlen und ich wundere mich, dass dies oft von Hebammen und Gynäkolog*innen behauptet wird. Heisst das: „Dumm gebärt gut?“

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