Yogalehrerin Nicole Schröter

Der Kommerz ist im Yoga angekommen.

Yogalehrerin Nicole Schröter

Nicole Schröter ist Yogalehrerin. Früher hat sie mal als kaufmännische Assistentin gearbeitet. Irgendwann hat sie sich daran erinnert, dass sie als Kind – ohne Grund von außen – OMs gesungen hat. So begann ihr eigener Yogaweg. Heute gibt sie die Lehre des Yoga weiter und betrachtet die Branche nicht ganz unkritisch. Denn wo es darum geht, den Menschen Sinn zu geben, lässt sich auch hervorragend Geld verdienen. Ein Gespräch über verloren gegangenen Halt, die Grenzen der eigenen Yogamatte und die eigene Authentizität.

Was macht eigentlich eine vorbildliche Yogalehrerin, wenn andere Leute morgens Kaffee trinken?

Die vorbildliche Yogalehrerin geht auch ihren Weg und hört, was ihr gut tut. Und im Zweifel ist das eben auch der Kaffee.

Gut, dass wir das geklärt haben. Dann können wir ja jetzt seicht einsteigen: Was ist aus Yogasicht der Sinn des Lebens?

Ich glaube, den muss in erster Linie jeder für sich selber finden. Jeder muss seine Aufgabe in dieser Welt finden. Ein sinnvolles Leben ist für mich eins, wenn man sein eigenes Potential entfalten kann und etwas in die Welt rein gibt.

Und was bedeutet Yoga für dich?

Yoga ist irgendwie alles für mich und steht mit ganz vielen Sachen in Verbindung. Yoga findet nicht nur auf der Matte statt sondern es geht vor allem um die Philosophie dahinter.

Wie würdest du diese Philosophie zusammenfassen?

Im Christentum gibt es die Zehn Gebote. Im Yoga gibt es Yamas und Niyamas nach denen man lebt. Yamas sind die Gebote für den Umgang mit unserer Umwelt und unseren Mitmenschen. Niyamas sind Richtlinien im Umgang mit uns selbst. Die wichtigste Regel ist das Ahimsa, also das gewaltfrei Miteinander. Das bezieht sich nicht nur auf die körperliche Ebene sondern auch auf das mentale Miteinander. Man kann auch mit Worten verletzen. Und dazu gehört auch, nicht über andere zu urteilen. Denn urteilen bedeutet oft auch, zu verurteilen und das fängt schon dabei an, wenn einem die Hose vom Gegenüber in der Bahn nicht gefällt. Yoga ist also so betrachtet ein riesiges Lernfeld.

Und wenn du Yoga als Ganzes betrachtest: Wie viel davon ist Sinnsuche und wie viel ist Körperarbeit?

Also die meisten Menschen kommen über das Körperliche zum Yoga. Aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass die körperlichen Aspekte, also Beschwerden oder Dinge, die man optimieren möchte, nur die Spitze vom eigentlichen Eisberg sind.

Also liegt die wahre Tiefe dann wieder in der Sinnsuche?

Ja.

40 Stunden - Nicole meditiert

Glaubst du, dass die Leute heute mehr Sinn im Leben suchen als früher?

Ich denke schon.

Aber warum?

Ich glaube, gerade in unseren Breitengraden fehlt es an familiären Strukturen. Man lebt einfach nicht mehr so eng zusammen. Viele Leute sind jobmäßig von ihren Familien getrennt. Da fehlt es an Halt im Leben. Und früher gab es noch die Religionen. Aber eine religiöse Praxis wird in unseren Breitengraden kaum noch wirklich gelebt, also z. B. morgens und abends ein kleines Gebet sprechen. Feste Strukturen und Rituale haben den Menschen schon immer Halt gegeben. Heutzutage ist aber alles schnelllebig und wirr und ich glaube die Menschen spüren die Sehnsucht nach etwas, an dem sie sich dran lang hangeln können.

Und an Yoga kann ich mich wirklich festhalten?

Yoga ist das zur Ruhe kommen der Gedanken und des Geistes. Nur wenn das Gedankenkarussell mal wieder zur Ruhe kommt, kannst du auch wieder bei dir selber sein und runter kommen. Yoga ist immer auch diese Innschau in sich selbst. Es geht darum, sein wahres Ich zu finden und sich selber zu spüren und wahrzunehmen.

Es scheint zu funktionieren, denn Yoga ist ein riesen Hype in unserer Gesellschaft geworden. Glaubst du, dass das auch noch mal kippt?

Im Moment haben die Leute das Gefühl, fragen zu dürfen ja fast zu müssen, wer sie eigentlich selber sind. Viele Leute rutschen in Depressionen oder in ein Burnout. Viele Leute spüren sich selber nicht mehr. Es wird alles von einem abverlangt und man funktioniert einfach nur noch. Das möchte keiner. Eigentlich möchte jeder ein selbstbestimmtes Leben führen. Yoga hat das Ziel nach einem authentischen Leben. Man soll sich besser kennen lernen. Ich hoffe nicht, dass diese Ansicht noch mal kippt. Nichtsdestotrotz empfinde ich manche Dinge als sehr kritisch, die so in der Yogabranche passieren.

Was fällt dir da auf?

Ich finde die Branche wächst in einer ungesunden Art und Weise. Es gibt mittlerweile so viele verschiedene Stile, dass die Leute ganz verwirrt sind. Außerdem finde ich es absolut verwerflich, dass über Medien wie z. B. Instagram ein Wettkampfgedanke ins Yoga Einzug erhält. Da posen die Leute rum. Handstand hier. Kopfstand da. Sich mit anderen zu messen, hat nichts mit Yoga zu tun. Die Yogapraxis findet ihre Grenzen an den Rändern der eigenen Matte. Und letztlich finde ich die Ausbildung auch bedenklich. Es gibt mittlerweile so viele Yogalehrer. Die müssen auch erstmal alle Schüler finden. Es entsteht enorm viel Konkurrenzdenken, gerade in den Großstädten. Der Kommerz ist im Yoga angekommen.

Und das ist ein Widerspruch zur eigentlichen Lehre. Was macht das mit dir?

Ich versuche tief auszuatmen und authentisch zu bleiben. Ich wähle für mich sehr genau aus, was ich mitmache und was nicht. Ich möchte mich nicht kaufen lassen. Ich möchte frei sein. Aber es ist schon auch richtig, dass man sich eben nicht ganz vom Kommerz frei machen kann. Ich muss Preise berechnen und mir überlegen, was ich mit dem Unterricht verdienen muss. Ganz klar. Man muss da irgendwie die Balance finden. Der Fokus muss darauf bleiben, Yoga weiter zu geben.

Was würdest du sagen, bedeutet in deinem Beruf Erfolg?

Wenn ich es schaffe, authentisch zu sein und dennoch zu existieren. Es macht mich einfach glücklich und dankbar, Yoga vermitteln zu dürfen und so Menschen helfen zu können.

Aber glaubst du, dass Yoga wirklich jedem Menschen helfen kann?

Ja, ich glaube schon. Aber es setzt voraus, dass sich jemand dafür öffnet. Wenn jemand dicht macht, kann man ihn ja nicht zwingen.

Motivierende Sprüche

Ich empfinde es so, als ob es keine halben Sachen im Yoga gibt. Entweder du magst es oder eben nicht. Die Leute, die Yoga ablehnen: Was denkst du, mögen die daran nicht?

Dass man sich mit sich selber beschäftigen muss. Das ist für viele das größte Hindernis. Man muss bereit sein, mal nach innen zu schauen und zu gucken, was da so los ist. Es kann Angst machen, was man da möglicherweise entdeckt. Es ist ein Blick ins Ungewisse. Man hat einfach nicht nur positive Seiten. Es erfordert Mut, sich auch den Schattenseiten zu stellen.

Hattest du ein besonders schönes Yogaerlebnis? Vielleicht gar die Erleuchtung?

Ich kann kein besonderes Ereignis benennen. Es sind eher kleine, erleuchtende Momente. Ich mag es zu spüren, dass Yoga mir gut tut und es mir damit besser geht.

Was lehrt dich dein Beruf?

Dankbarkeit. Ich bin dankbar diesen Job machen zu dürfen und andere Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Es gab schon einige Menschen, die zu mir ins Yoga kamen, um körperliche Beschwerden zu lindern. Und plötzlich fangen die an und krempeln ihr ganzes Leben um. Es ist für mich das Schönste, anderen Menschen helfen zu können, ihren Weg zu finden.

Wir haben ja eben über Yogamuffel gesprochen und darüber, dass gerade morgens es auch schon mal an Energie mangelt. Verrate mal eine Übung, die einfach jedem hilft.

Ganz simpel: Hinsetzen, Augen schließen und dreimal tief durchatmen. Das führt dich ganz in den Moment und du bist automatisch im Hier und Jetzt.

Kontakt zu Nicole Schröter: www.elbyogis.de

Text: Julia Kottkamp
Fotos: Romy Geßner

40 Stunden - Kollage - Meditation
40 Stunden - Sitzbank und Yogakissen
40 Stunden - Nicole im Gespräch
Kollage - Yogapositionen Schneidersitz
Yogispruch an der Wand
40 Stunden - Blick ins Yogastudio

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Julia Kottkamp Idee und Redaktion Julia Kottkamp

Julia hat Journalistik studiert und arbeitet als Texterin und Kommunikationsberaterin. In ihrer Arbeit geht es immer um das Gespräch mit Menschen. Zuhören, verstehen und daraus Kommunikation entwickeln.

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Romy Geßner Fotografie Romy Geßner

Romy ist freiberufliche Fotografin und Diplom-Übersetzerin. Ihre große Leidenschaft sind Bilder von Menschen in ihrer Arbeitsumgebung. Sie steht für authentische Portrait- und Businessfotografie und sie liebt Reportagen.

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13 Kommentare

  1. 15. Oktober 2015 Beate sagt:

    Das war ein sehr schöner Bericht und ich könnte nicht mehr mit Nicole übereinstimmen. Gerade auch was die verschiedenen -yoga styles – angeht. Da versucht man im Yoga sein Ego nicht ueberzubewerten, aber ständig gibt es neue Lehrer, welche IHREN -Namen- auf alles -labeln- müssen. Dabei dauert es years or even many lifetimes to just understand the basics of yoga. Aum and prem ? ?

    1. Danke, für deinen Kommentar, Beate.

  2. 16. Oktober 2015 Birgit Schaedler sagt:

    Namaste, liebe Nicole!
    Auch ich stimme deinen Aussagen zu 100 % zu. Hätte es nicht besser „auf den Punkt“ bringen können. Leider musste ich erst Erfahrungen mit Burn out und Depressionen machen, ehe ich in einer Klinik Yoga für meine Heilung entdecken konnte. Ich krempelte mein Leben total um und arbeite seit September 2015 in meinem eigenen Studio. Mir persönlich gibt es viel, wenn meine Teilnehmer mit völlig glücklichen Gesichtern und entspannt den Raum nach 90 Minuten wieder verlassen. Ein weiteres Projekt ist bei mir : Yoga-Caming-Ferien an der Algarve in Portugal anzubieten. Das umfasst eine Auszeit auf dem Land, mit vegetarischer Ernährung, einfachem Leben, Singen am Lagerfeuer…. Bin gespannt, wie das ankommt. Ich wünsche dir auf deinem Weg alles Gute!
    Om shanti von Birgit

    1. Danke, dass du deine Erfahrung mit uns geteilt hast. Wir geben das Lob gerne an Nicole weiter!

  3. 16. Oktober 2015 Kerstin Frankenstein sagt:

    Yoga entfachte in mir Begeisterung und mich neu zu sehen. Man ist im Yoga nie fertig und es zwingt zu Demut. Seine Grenzen erkennt man schnell. Die richtige Atmung und der Flow der Übungen können bei einem guten Yoga Teacher schon mal so eine Art Erleuchtung bringen. Ich durfte dieses Erlebnis bzw. das Gefühl nach allerdings hart erarbeiteten Praktiken haben. Ich habe nicht meine ganze Lebensweise Yoga angepasst. Das wäre mir in einer Leistungsgesellschaft zu wenig. Aber ich passe meine Ernährung an, esse genauso mal vegan und trinke Mandelmilch, grüne Smoothie aber auch mal guten Cabernet Savignon zu einem Filet Mignon. Natürlich macht der Kommerz in einer hoch industrialisierten Welt nicht halt vor dem fast schon als zum Breitensport praktizierten Yoga. Yoga soll ja auch nicht elitär sein wie Golfen oder Tennis. Yoga hat mich aufgeklärt und verändert. Die vermittelte Philosophie trägt mich im Leben. Und einem bekannten canadischen Sportausstatter bin ich unendlich dankbar das er mir die richtige Yogamatte in der besten Farbe angeboten hat und in meinem Schrank sich an Yoga Bekleidung mehr befindet als bei manchen Cocktailkleider. Ab da machte mir Yoga nochmal so viel Freude ! Liebe Grüße aus United States ??, Greenmonkey Studio Florida.

    1. Die Mischung macht’s!? Danke für deinen Kommentar.

  4. Namasté und danke für diesen Artikel.
    Meine Yogaausbildung und meine eigenen Erfahrungen als Schüler hat mir gezeigt, das man auf sich achten soll. Ich finde es immer wieder lustig, wenn Menschen Menschen helfen und dann aber andere wieder „ablehnen“, weil sie sich anders positionieren möchten oder mehr Geld verdienen wollen.

    Die meisten Yogalehrer haben Probleme alleine vom Yoga zu leben – und warum?

    „Die Yogapraxis findet ihre Grenzen an den Rändern der eigenen Matte.“ – Für mich ein sehr einschränkender Gedanke, den ich nicht teile. Denn erst nach der Yogapraxis, das ist meine Erfahrung, entfaltet sich das, was durch die Yogapraxis auf den Weg gebracht wurde…..

    Es gibt glaube ich 6 Millionen Yoga-Schüler in Deutschland…was für eine Fülle und so viele suchen und finden ihren eigenen persönlichen richtigen Lehrer…

    Für mich ist Spiritualität kein Widerspruch zu einem Leben in Wohlstand und Luxus….

    Wer das immer noch glauben mag, der sollte doch mal die Armen dieser Welt fragen, wie spirituell sie sich finden….

    Mit voller Liebe und Achtung
    Namasté
    Elena Sommer

    1. Liebe Elena,

      hab Dank für deinen ausführlichen Kommentar und bitte entschuldige, dass ich erst jetzt darauf reagieren kann.

      Was Nicole mit den Grenzen der Yogamatte meinte bzw. ich, beim kuratieren ihrer Antworten war, dass man sich nicht nach links und rechts mit den anderen Schülern vergleichen soll und insofern „auf der eigenen Matte“ bleibt. Dass man sich außerhalb dieser Matte auf einen Weg macht, das sehen wir genau so wie du.

      Danke! Julia

  5. 3. November 2015 Andrea Rothe sagt:

    Ich mache seit über 10 Jahren Yoga. Die Entwicklung zum Kommerz erschreckt mich ein wenig. Leider mußte ich im letzten Jahr die Erfahrung machen, dass es auch Scharlatane unter den Yogalehrern gibt und bin über meinen Yogalehrer in eine rechtsesoterische Yogasekte gekommen. Ich war sehr enttäuscht von ihm. Yoga wird für rassistische Zwecke mißbraucht, mit so etwas habe ich überhaupt nicht gerechnet. Nach vielen Recherchen kam ich dahinter, dass er Yoga an einer russischen Yogapsychogruppierung gelernt hat, die das Zertifikat des IWF vergibt. Also dieses Zertifikat wird scheinbar sehr leichtfertig vergeben. Wer gutes Yoga machen möchte, sollte daher auf die Zertifizierung achten (z. B. Bund der deutschen Yogalehrer).

    1. 3. November 2015 Andrea Rothe sagt:

      Ein Tippfehler: Die Institution heißt IYF nicht IWF.

    2. Danke für deinen Kommentar, Andrea. Ich hoffe, du bist mit heiler Haut „da raus“ gekommen. Gut, den Hinweis auch an dieser Stelle zu streuen.

  6. Ich hoffe, es verstößt nicht gegen Ihre Kommunikationsregeln, wenn sich mal kurz ein Journalist einschaltet. Ich recherchiere als Dokumentarfilmemacher zu Licht – und Schattenseiten von Yoga, und würde zu gerne einmal mit Ihnen, Frau Rothe, über ihre Erfahrungen mit dem rassistischen Yogalehrer sprechen ( erst mal ganz unverbindlich und für meinen Hinterkopf). Auf http://www.luckfilm.de sehen Sie was ich so mache. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich melden. Freundliche Grüße: Wolfgang Luck
    luck@luckfilm.de

  7. Deinen Artikel fand ich sehr interessant, auch die vielen schönen Fotos. In Florida konnte ich als Yogaschüler kürzlich sehr viel über die Ausbildung zum Yogalehrer und die Yogaszene in Clearwater, Tampa, Sanibel, Orlando und Miami erfahren. Leider gibt es in größeren Städten viel zu viele Yogastudios und viel zu viele Yogalehrer. Sehr viele Yogastudios schließen für immer ihre Pforten, andere werden übernommen. Es gibt in manchen Gegenden mehr Yogastudios als Lebensmittelläden. Soeben habe ich meinen Blogbericht darüber fertiggestellt:
    http://blog.yogastudios.at/clearwater-yoga/
    Es gibt noch viel darüber zu schreiben.

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