Taxifahrer Rolf-Dieter Jacobs

Was in der Taxe war, bleibt in der Taxe.

Taxifahrer Rolf-Dieter Jacobs
40 Stunden - Jacobs am Steuer

Rolf-Dieter Jacobs ist Taxifahrer. Sein VW Bus hat ein ausfahrbares Trittbrett. Omas erzählen ihm von den Krankheiten auf dem Weg zum Doktor, die jungen Leute berichten von ihren Reisen und manche wollen nur still zur Arbeit. Ein Gespräch über sehr weite Fahrten, Taxifahrerethos und Promis auf der Rückbank.

Ich hatte immer ein kleines Faible für Udo Jürgens. Haben Sie schon mal jemanden im Taxi nach Paris gefahren?

Nein. Zum Glück nicht. Dann muss ich da übernachten und leer zurück fahren. Katastrophe.

Und ich dachte immer, das wäre der Traum eines jeden Taxifahrers. Noch ein frisches Baguette mit nach Hause nehmen…

Ne, echt nicht. Meine weiteste Fahrt ging von Hamburg nach Stuttgart. Das reichte.

Was kostet das?

Das ist schon etwas her, aber ich glaube um die 900 Euro.

Was sind das denn für Leute, die sich da ein Taxi nehmen?

Das sind Leute, die nicht sicher sind, ob die Züge fahren oder ein Zug fährt tatsächlich nicht. Oder der Flieger ist nicht los geflogen. Und sehr oft buchen Geschäftsleute mit dem Handy ihre Flüge und vertippen sich und fliegen versehentlich erst in einem Monat nach Hause. Wenn die aber heute noch da ankommen wollen, dann fahren die Taxi. Oder Araber. Die fahre ich oft von Hamburg an die Ostsee, wo sie sich in einer Klinik behandeln lassen. Aber die juckt sowieso nichts.

Ich fahre eigentlich nur Fahrrad, aber wenn ich mal Taxi fahre, dann weiß ich nie, wo ich einsteigen soll. Ist hinten höflicher oder vorne?

Mit Höflichkeit hat das überhaupt nichts zu tun. Es geht darum, wo es für Sie angenehmer ist. Der Taxifahrer kann ja auch nach hinten kommunizieren. Das ist ja kein Saal. Nur ein Auto.

Sind Sie ein Taxifahrer aus Leidenschaft oder Philosophiestudent im 29. Semester?

1975 habe ich tatsächlich mit dem Taxifahren im Studium angefangen. Aber nach der Uni bin ich dann in einen Job gegangen. Bis 2003 war ich Logistikleiter in der Industrie. Wenn Sie ein gewisses Alter erreicht haben, dann haben Sie alle Erfahrungen der Welt. Bloß eins können Sie nicht vorzeigen: ein jüngeres Geburtsdatum. Ich dachte damals, es sei noch möglich, mit knapp fünfzig eine neue Stelle zu finden. Nur die Leute wollen Erfahrung haben aber sie nicht bezahlen müssen. Und so bin ich wieder zum Taxifahren gekommen. Jetzt bin ich selbstständig, bin mein eigener Herr, habe meine eigene Taxe, bin am Funk angeschlossen, zahle mein Funkgeld und bin glücklich. Und jeden Abend zu Hause.

Wie ist das Taxifahren heute im Vergleich zu 1975?

Das ist heute was völlig anderes. Früher ging es um Kneipen und um Betrunkene. Da wurde lange noch nicht so viel gereist wie heute. Du hast dir ein Brot geschmiert, die Thermoskanne befüllt und bist mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Heute arbeiten die Leute überall aber auf keinen Fall mehr da, wo sie eigentlich wohnen. Und dann müssen sie ja auch alle im Team arbeiten. Einer alleine taugt ja nicht mehr heute. Also sind noch mehr unterwegs, weil ja nicht alle in einer Straße wohnen. 50-60% meiner Fahrten heute buchen Geschäftsleute. In der Nacht hast du auch mal Kneipengeschichten aber ich muss dann ja nicht fahren. Tagsüber sind die Leute weniger besoffen und haben aufgeladene Kreditkarten. Und ich fahre fast nur Funktouren, das heißt ich nehme kaum Leute mit, die auf der Straße winken. Das wird heute auch kaum noch gemacht. Das geht alles übers Handy.

40 Stunden - Anfragen und Reservierungen im Überblick auf dem Bordcomputer

Sie haben ja jeden Tag mit wahnsinnig vielen Leuten zu tun. Wünscht man sich da nicht manchmal Chauffeur zu sein und nur einen Menschen hin und her zu fahren?

Nein. Erstmal musst du dann immer schön mit geputzten Schuhen und schwarzem Anzug unterwegs sein und dann natürlich auch mit Sonnenbrille. Diese Leute müssen immer genau da parat stehen, wenn ihr Kunde fahren will. Der muss jetzt zum Flughafen, dann später ins Hotel, dann muss er vom Meeting zur Abendveranstaltung, da musst du dann warten bis er fertig ist und dann bist du um 3 Uhr nachts zu Hause. Du bist immer die Geisel des Kunden. In meiner Taxe bin ich der Chef. Wenn ich nicht will, dann mache ich nichts. Klar, dann verdiene ich auch nichts, aber ich habe ja 24 Stunden Zeit, was zu verdienen. Unter den selbstständigen Taxifahrern gibt es zwei Kategorien. Entweder du bist Summenfahrer, die fahren so lange bis 200€ erreicht sind und dann geht es nach Hause. Und dann gibt es die, die möglichst viel verdienen wollen. Die fahren und fahren und fahren – im Rahmen des Arbeitsschutzes natürlich. Mehr als 8,5 Stunden reine Fahrtzeit am Tag sind nicht erlaubt.

Und was sind Sie?

Ich will verdienen.

Wie viel Psychologe sind Sie?

Mindestens 87%.

Wie viel Ehestreit kriegen Sie mit?

Wenn Mann und Frau hinten sitzen, dann kriegt mal der eine Bericht und mal der andere. Aber meistens bei älteren Leuten. Die, die mindestens dreißig Jahre verheiratet sind.

Und dann sind Sie unsichtbar?

Ich werde einen Teufel tun… Ich höre alles, aber niemals würde ich etwas sagen.

Was kommt noch so in Ihre Ohren?

Ach, die Leute erzählen viel. Man hört auch Geheimnisse. Zum Beispiel, was Montag im SPIEGEL steht – rein theoretisch könnte ich das am Donnerstag schon ausplaudern, weil ich den Redakteur gefahren bin und der telefoniert hat. Aber sowas macht man natürlich nicht. Was in der Taxe war, bleibt in der Taxe. Das erzähle ich noch nicht mal meiner Frau.

Berufsethos?

Ich finde ja. Einmal stand ich am Flughafen – die haben da so einen VIP Service. Und da stieg Michael Jackson aus dem Flieger und ging zu der Taxe vor mir. Da denkst du erst, dass das ein Double ist, aber dann kamen auch noch seine ganzen Kinder. Ich stand also zwei Meter vor dem absoluten Giganten. Der ist dann im Ford Galaxy weg gefahren und ich habe meinen Gast zum Hotel gefahren. Ne Stunde später höre ich im Radio: „Michael Jackson ist gerade in Hamburg. Uns hat ein Taxifahrer angerufen. Wir versuchen mal Näheres raus zu kriegen.“ Da habe ich mich so geärgert, das da irgend so ein Penner von Taxifahrer anruft. Was hat der denn davon? Der kriegt doch jetzt keine tausend Mark vom Radiosender. Wenn Michael Jackson privat hier ist, dann soll er doch bitte auch privat hier sein können. Der hat doch ein Leben – gehabt. Da muss ich sagen: Dem Kollegen hätte ich links und rechts was an die Backen hauen können. Das Ergebnis war, Jackson war bei einem befreundeten Musikmanager, der in Niendorf lebt. Da standen dann jeden Tag fünfhundert Leute vor der Tür und die Polizei musste kommen. Da konnte sich Jackson höchstens mal noch ne Pizza bestellen, weil er das Haus einfach nicht mehr verlassen konnte. Bei sowas sage ich: Halt doch die Klappe!

40 Stunden - Jacobs im Seitenspiegel

Werden Sie immer gut behandelt?

Da muss ich die Hamburger Gesellschaft loben. Unglaublich höflich. Auch die Kinder. Auch von den sehr gut betuchten Leuten. Die haben wirklich Anstand: „Entschuldigung, stört es Sie, wenn ich mal kurz telefoniere?“ Oder Sie sprechen mich mit Namen an, weil Sie meinen Namen vorne im Fenster gelesen haben. Es ist sehr respektvoll.

Und wer ist unfreundlich?

Ein Kollege hat früher zu mir gesagt „Wenn Schiet wat ward.“ Also wenn aus Scheiße was wird. Das sind dann Leute, die Ärger machen.

Und ab wann setzen Sie jemanden vor die Tür?

Das habe ich bislang erst zwei Mal gemacht.

Was war da?

Der eine war ein Redakteur, der mit meinem VW Bus nicht klar kam und nur gemotzt hat. Und einmal eine betrunkene Frau, die von einer Feier kam und ein riesiges Theater gemacht hat.

Was ist für Sie Erfolg?

Glücklich sein. Und das machen können, was man gerne macht.

Was lehrt Sie Ihr Beruf für Ihr Leben?

Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Ich weiß jetzt, wie viele Meinungen es gibt und dass hinter jeder eine echte Person steckt. Es gibt so viele Menschen auf der Welt und alle fahren mal Taxi. Ich fahre Sozialhilfeempfänger und Flüchtlinge und genauso die Vorstandsvorsitzenden und die Bosse vom Überseeclub. Und auch hin und wieder mal nen Promi. Im Taxi sitzt das Spiegelbild der Gesellschaft. Wie beim Friseur. Da kommen sie auch alle hin. Und dadurch habe ich unglaublich meinen Horizont erweitert.

Wohin ist denn jetzt Ihre Taxitraumfahrt?

Die habe ich nicht.

Und gibt es einen Traumgast?

Einmal habe ich eine Tour mit Roger Willemsen gemacht. Mit ihm stand ich zehn Minuten vor seiner Stadtwohnung und wir haben gesabbelt und gesabbelt und gesabbelt. Damals ging es darum, wer der neue Bundestrainer wird. Und da war Matthias Sammer im Gespräch. Und da haben wir uns beide ausgekotzt. Das war ein echt tolles Gespräch.

Kontakt zu Rolf-Dieter Jacobs: www.taxi211211.de

Text: Julia Kottkamp
Fotos: Romy Geßner

40 Stunden - Das Taxi wartet auf Kundschaft
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40 Stunden - Ein ausfahrbares Trittbrett für einfachen Einstieg40 Stunden - Rolf-Dieter Jacobs - Taxifahrer

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Julia Kottkamp Idee und Redaktion Julia Kottkamp

Julia hat Journalistik studiert und arbeitet als Texterin und Kommunikationsberaterin. In ihrer Arbeit geht es immer um das Gespräch mit Menschen. Zuhören, verstehen und daraus Kommunikation entwickeln.

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Romy Geßner Fotografie Romy Geßner

Romy ist freiberufliche Fotografin und Diplom-Übersetzerin. Ihre große Leidenschaft sind Bilder von Menschen in ihrer Arbeitsumgebung. Sie steht für authentische Portrait- und Businessfotografie und sie liebt Reportagen.

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2 Kommentare

  1. 4. Mai 2016 Karl Brockmann sagt:

    Hallo,

    Udo Jürgens war ja niemals in New York und er war mal in „Paris, einfach nur so zum Spaß“. Ob er dabei ein Taxi benutzt hat, weiss ich nicht. Das Lied „In einem Taxi nach Paris“ ist jedenfalls nicht von ihm und er hat es nie gesungen. Meine Frau war Vorsitzende eines UJ-Fanclubs und ich besitze noch ausführliches Daten-Material, die das belegen.

    Es stammt vielmehr von einer Hamburger Band, die hieß Felix de Luxe.

    Sie sind aber nicht die Erfinder dieser Falschinformation. Vor mehr als zehn Jahren stand das mal in einer Zeitschrift. Es wurde damals schon angesprochen. Aber wie das ja mittlerweile so ist in der Branche: einer schreibt vom anderen ab und so hält es sich falsch über Jahre.

    1. Lieber Karl, dann ist 40 Stunden jetzt wohl im Olymp der „Lügenpresse“ angekommen. Grüße an Ihre Frau. Ich bin froh über dieses umfassende Fachwissen. Beste Grüße

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