Pastorin Johanna Thode

An Weihnachten kommen die U-Boot-Christen.

Pastorin Johanna Thode

Johanna Thode ist Pastorin obwohl sie bis lange ins Studium hinein nicht so wirklich mit Gott zu Recht kam. Heute hadert sie manchmal mit der Institution der Kirche. Oder mit beidem. Ein Gespräch über den Heiligen Abend, den Erfolg von Yoga und die Sehnsucht nach dem wahren Glauben.

Wie sehr kommen Sie sich als Pastorin verarscht vor, wenn an Weihnachten auf einem Mal die Kirche voll ist?

Gar nicht.

Irgendwie kann ich das nicht glauben!

Also ich fühle mich privat von Weihnachten „verarscht“, weil ich dann so viel arbeiten muss und keine Zeit habe. Vier Gottesdienste an einem Tag – das ist viel. Aber über die Leute freue ich mich einfach nur.

Aber ist das nicht Heuchelei von denen?

Für mich sind das einfach Uboot-Christen. Die tauchen nur einmal im Jahr auf. Und wenn die dann was mitnehmen und „das war schön“ sagen und dann wieder weg sind, dann freue ich mich trotzdem.

Sind Sie an Weihnachten besonders aufgeregt?

Ja, sehr. Da vorne steht man immer auf dem Präsentierteller. Die Leute gucken die ganze Zeit. Sitzt die Frisur? Sind die Schuhe geputzt? Und die Predigt ist dann wie ein Referat vor rund 400 Leuten.

Was überwiegt dann: Die Eitelkeit oder die Verletzlichkeit?

Beides gleich. Jeder der Pastoren-Kollegen ist auch so ein bisschen narzisstisch. Ich ganz bestimmt auch. Und Verletzlichkeit spielt eine große Rolle. Ich war am Anfang immer so aufgeregt vor Predigten, dass ich mich regelmäßig aus meinem Haus ausgeschlossen habe. Und irgendwann hat mir meine Ausbilderin gesagt: „Es geht nicht um dich, es geht nur um die Botschaft.“ Das war das Beste, was sie mir sagen konnte. Heute ziehe ich mir meinen schwarzen Kittel an und sage: „So Chef, ich bin jetzt vorbereitet. Jetzt bist du dran.“

40 Stunden - Pastorin Thode am Altar

Dann lassen Sie uns doch mal über diesen Chef sprechen. Glauben Sie wirklich, dass es Gott gibt?

Ja, das kann man so sagen.

Warum glauben Sie das?

Es gab für mich mal eine sehr schwierige Zeit. Mein Vater war gestorben, mein Studium hing so ein bisschen am Nagel und ich war nur noch jobben. Da war in mir ein unerschütterlicher Kern, der mir sagte: „Wenn du wirklich am Boden liegst und weinst, da ist noch was, was dich hält und du fällst nicht ins Bodenlose.“

Das klingt romantisch – mit allem Respekt. Aber ich bin auch sicher, dass viele Menschen das unrealistisch finden und den Fall ins Bodenlose eher durch Wodka und Freunde „verhindern“. Was ist das also mit diesem speziellen Glauben?

Man denkt immer, Glauben bedeutet, für wahr halten. Also wenn ich hinter jeden Satz im Glaubensbekenntnis einen Haken machen kann, ist alles gut. Glauben heißt aber in der Ursprungsbedeutung – im Griechischen das Wort „pistis“ – anvertrauen beziehungsweise vertrauen. Es gibt keinen Punktekatalog, den ich abhaken muss und sagen kann, da stehe ich hinter. Glauben bedeutet für mich, aus einem Vertrauen heraus zu leben. Und daraus entwickelt sich dann Anderes.

Wenn wir aber beim Glaubensbekenntnis noch mal bleiben, dann heißt es am Anfang „Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen…“ Allmächtig bedeutet, er hat alles in der Hand. Ist Gott nicht ein fieser Fiesling, wenn er dann manche Leute glauben lässt und andere nicht. Und da reden wir jetzt noch nicht mal darüber, dass er Dinge wie Kriege und Krankheiten und Tsunamis zulässt.

Ich weiß nicht, ob Gott ein „fieser Fiesling“ ist. Ich kann die Frage nicht beantworten. In der Bibel steht, dass Gott den Glauben erschafft. Und dort steht auch, dass er manche Menschen verdammt und andere nicht. Ich bin da nicht mit allem d’accord. Mein Professor hat einmal zu mir gesagt: „Wir können einfach nur darauf hoffen, dass Gottes Liebe und Gottes Wesen größer ist, als alles, was wir uns aus seinen Texten raus lesen und vorstellen können. Und vielleicht, wird er uns noch alle überraschen.“ Daran halte ich mich fest.

Was war Ihr tollster Tag als Pastorin?

Den gibt es nicht.

Aber gab es einen schlimmsten Tag?

Davon gab es mehrere.

Wollen Sie drüber sprechen?

Alle Pastoren in diesem Kirchkreis haben Notfallseelsorge-Bereitschaft. Dann überbringen wir zum Beispiel mit der Polizei Todesnachrichten oder sind mit dabei, wenn die Polizei denkt, die Kollegen könnten Unterstützung brauchen. Letztes Jahr, kurz vor Weihnachten, wurde ich zu einem Einsatz mitten in der Nacht dazu gerufen. Es ging um einen versuchten Suizid. Ein Mann war ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Frau und der kleine Sohn waren noch in der Wohnung. Alles war voll mit Blut. Einfach alles, alles, alles. Und der Junge hatte auch noch Geburtstag. Die größte Sorge der Mutter war ihr kleines Kind. Ich habe dann mit ihr vereinbart, dass ich mit dem Kleinen spiele und sie hat angefangen zu putzen – drei Stunden ging das so. Zum Schluss hat der Kleine mir einen Schlüsselanhänger mit Meister Yoda geschenkt.

Hat der Vater das überlebt?

Ich weiß es nicht. Ich wollte mich hinterher da nicht so einmischen, weil ich nicht für die Nachsorge zuständig war. Man muss auch versuchen, Abstand zu wahren. Aber das geht nicht immer. Es gibt ein Geräusch in meinem Leben, was ich nie mehr vergessen werde und ich habe es zwei Mal gehört. Eine Mutter, die erfährt, dass ihr Kind verstorben ist, egal wie alt dieses Kind ist. Dieses Schreien, das vergisst man nicht.

Kommen Sie in solchen Situationen als Pastorin mit Gott oder als „einfacher“ Mensch?

Ich komme da als Mensch. Die meisten Leute kriegen in diesen Situationen gar nicht mit, dass ich Pastorin bin. Bei den Notfallseelsorgeeinsätzen ist die wichtigste Aufgabe das Stabilisieren. Man muss die Menschen reden lassen und ihnen die Gewissheit geben, dass jemand da ist. Es geht da auch um Authentizität und dass man zugibt, dass man nicht weiß, was man selber sagen soll. Dazu gehört auch dem kleinen Jungen zu sagen, dass man selber nicht weiß, warum der Papa das gemacht hat und dass er ihn das selber fragen muss, wenn er aus dem Krankenhaus zurück ist. Wenn ich über alles die Gott-Sauce gießen würde, dann wäre ich nicht authentisch. Ich hadere dann doch auch oft mit Gott und frage ihn, warum ein Mädel sterben musste, das keine 30 war. Es kostet sehr, sehr viel Kraft, das auszuhalten.

Glauben Sie, dass etwas in ihrem Leben passieren könnte, dass Sie sagen „Ich kann an diesen Gott nicht mehr glauben.“?

Ja, ich glaube, dass das passieren kann. Ich habe jetzt keine Familie. Aber wenn ich mir vorstelle, ich hätte Kinder und ich würde ein Kind verlieren, dann kann ich mir vorstellen, dass ich dann aufhören würde, zu glauben.

Womit würden Sie dann Ihr Geld verdienen? Das ist ja schon ein Berufsrisiko wenn ich das so sagen darf.

Das weiß ich nicht. Das müsste sich dann zeigen. Meine eigenen Krisen und Glaubenszweifel kann und muss ich aber auch in meinen Beruf mitnehmen. Ich kann das meiner Gemeinde zumuten und muss das mit ihr diskutieren. Ich darf auch Fragen stellen, denn die Fragen, die ich habe, die haben die anderen auch.

40 Stunden - Kollage - Blick auf den Altar mit Kerzen und Pastorin Thode zündet Kerzen an

Was würden Sie sagen, ist das Ziel Ihres Jobs?

Offiziell heißt der Auftrag die Frohe Botschaft in Wort und im Verhalten zu verkünden. Das klingt sehr geschwollen. Ich bin hier sozusagen diejenige, die in der Gemeinde das laufende Geschäft am Wickel hat. Während der Kirchengemeinderat die Gemeinde leitet. Ich bin an diesen Ort gesandt, um die Menschen auf ihrem Glaubensweg zu begleiten und manchmal auch, um Geburtshilfe für den Glauben zu leisten. Denn Glauben kann man lernen. Und es gibt auch nie einen Glauben, der abgeschlossen ist. Es ist immer ein Weg.

Ich frage mich, warum Yoga hyped und Kirche so uncool ist? Geht es nicht bei beidem um die Suche nach Halt?

Also ich mache auch manchmal Yoga. Ich sehe, dass die Menschen eine große spirituelle Sehnsucht haben. Die Bücherregale bei Thalia zum Thema Esoterik quellen über. Die Menschen suchen an verschiedenen Orten, weil sie in der Kirche keine Antworten finden. Und das finde ich total schade.

Warum hat die Kirche heutzutage vermeintlich keine Antworten mehr?

Ich glaube das hat viel mit der Sprache zu tun und ich sehe meine Aufgabe darin, für den Schatz der Kirche oder die christliche Botschaft – auch die Bibel – sprachfähig zu sein. Ich glaube zutiefst, dass da heilsame Sachen drin stecken. Nur können die Menschen entweder mit den Sprachhülsen nichts anfangen oder die Sprache hat sich so verändert, dass sie missverständlich wird. Also nehmen wir zum Beispiel das Wort Sünde. Bei Sünde denken wir heutzutage an rote Ampeln und an Torte und Kalorien. Sünde bezeichnet aber ursprünglich das Gefühl, sich fremd im eigenen Leben zu fühlen. Nicht im Einklang mit sich, den Mitmenschen und Gott zu sein. Da Gott der Schöpfer ist, ist Sünde in dieser Bedeutung gleichbedeutend mit Gottesferne. Wer sich von sich selbst entfernt, entfernt sich auch von Gott.

Interessant, denn das würde im Zweifel auch jeder Yogalehrer unterschreiben. Glauben Sie, dass es einen Weg gibt, die Menschen wieder in die Kirche zu kriegen? Jeden Sonntag Weihnachten…

Ich glaube, jeder der sich das vornimmt, überfordert sich. Ich glaube, dass viele Kampagnen, die in diese Richtung gehen, völlig an den Bedürfnissen der Menschen vorbei gehen. Die Menschen in der Kirche, meine Kollegen und ich, wenn wir unsere Arbeit gut machen, dann ist schon viel getan. Ich glaube, dass Kirche am allerbesten war, als sie verfolgt und unterdrückt war und sich in den Katarkoben von Rom versteckt hat. Das klingt hart. Aber ich glaube, das Ziel ist nicht, groß zu sein. Eine große Kirche, die alles umfasst ist nicht authentisch.

Na da senden wir mal Grüße nach Rom. Apropos: der Papst. Von der Position her ist der wohl ein erfolgreicher Kirchenmann. Was bedeutet für Sie als Landpastorin Erfolg?

Mir macht meine Arbeit Freude und das ist eigentlich schon unglaublich viel. Erfolg… Was heißt das? Ich werde nicht alle Leute zufrieden stellen und es gibt auch immer wieder Leute, die sich über mich beschweren oder andere Vorstellungen davon haben, wie man meinen Beruf ausüben sollte. Letztendlich ist es für mich eine große Erleichterung, dass ich von den Leuten nicht direkt bezahlt werde sondern von der Kirchensteuer.

Wenn Sie schon kein Weihnachten haben: Haben Sie dann wenigstens ein Wochenende?

Bei vielen Pastoren ist der Montag der freie Tag. Dafür muss man aber schon sehr stark kämpfen. Das Ausbrennen ist die größte Gefahr im Pfarramt. Aber letztendlich brenne ich auch sehr gerne für diesen Beruf. Und ja, irgendwie dann doch gerade auch an Weihnachten!

Kontakt zu Johanna Thode: www.kirche-aumuehle.de

Text: Julia Kottkamp
Fotos: Romy Geßner

Kollage - Jesus am Kreuz und aufgeschlagene Bibel
40 Stunden - Osterkerze und Adventskranz
40 Stunden - Pastorin Thode arbeitet im Büro und hält per Handy Kontakt zu jungen Gemeinde40Stunden - Pastorin - Johanna Thode

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Julia Kottkamp Idee und Redaktion Julia Kottkamp

Julia hat Journalistik studiert und arbeitet als Texterin und Kommunikationsberaterin. In ihrer Arbeit geht es immer um das Gespräch mit Menschen. Zuhören, verstehen und daraus Kommunikation entwickeln.

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Romy Geßner Fotografie Romy Geßner

Romy ist freiberufliche Fotografin und Diplom-Übersetzerin. Ihre große Leidenschaft sind Bilder von Menschen in ihrer Arbeitsumgebung. Sie steht für authentische Portrait- und Businessfotografie und sie liebt Reportagen.

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4 Kommentare

  1. Alle Jahre wieder… deswegen sind wir, wie schon die Jahre davor, in einem Kloster. In diesem Jahr in Münsterschwarzach: http://www.jaellekatz.de/magic-letters/z-wie-zauberhaft-magic-letters

  2. 16. Mai 2016 Karin Glück sagt:

    Nur durch einen Zufall bin ich auf Ihre Seite gekommen und war wirklich sehr von dem Interview mit der jungen Pastorin Frau Johanna Thode beeindruckt. Mich hat es sehr bewegt, wie die junge Pastorin auf alle Fragen, mit ihrer Erfahrung, gut und natürlich geantwortet hat. Es hat mich auch nachdenklich gestimmt und gerade das hat mir persönlich sehr gut getan, zumal ich die Pastorin vor vielen Jahren, als sie noch ein junges Mädchen war, einmal kannte. Ich sage „vielen Dank dafür“!

    1. Wir danken Ihnen für den freundichen Kommentar. In diesem Sinne: Frohe Pfingsten.

  3. 30. November 2016 Axel von Allwörden sagt:

    Ja kleine Schwester, du hast vollkommen recht. Dein großer Bruder.

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