Grundschullehrerin Anna-Katharina Halfmann

Lernbereitschaft hat auch etwas mit Lehrerpersönlichkeit zu tun.

Grundschullehrerin Anna-Katharina Halfmann
Lehrerin kontrolliert Klassenarbeit

Anna-Katharina Halfmann ist Grundschullehrerin und gilt als die strengste Lehrerin der ganzen Schule. Sie findet es ungerecht, dass Lehrer als faul gelten – schließlich bliebe an manchen Tagen kaum Zeit, um aufs Klo zu gehen. Ein Gespräch über Lieblingsschüler, Lehrer aus der Hölle und Autistenkinder, die randalieren.

Machen die Schüler morgens immer noch Guuuuttääään Morgäääään Frauuuu Halfmaaaaann?

Ja, das finde ich aber ganz schlimm. Und dann am besten noch „schööööön, dass Siiiieee daaaaaa sind!“. Schlimm!

Und wie es in der Schule war, fragt man sicher auch noch, oder?

Ja, klar. Für mich war es heute echt anstrengend und ich war komplett genervt. Meine Klasse hat mich ein bisschen betuppt und nur die halbe Wahrheit erzählt und daraufhin habe ich einigen Schülern verboten, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Und zack hatte ich Mails der erbosten Eltern im Postfach, denen die Strafe zu hart erschien.

Kann man eigentlich nur dann Lehrer werden, wenn man die Schule selber cool fand?

Nein, ich glaube nicht. Ich wollte Lehrer werden, weil ich mit Kindern arbeiten wollte. Und ich wollte etwas ändern. Bei mir war der Bruch zwischen Grundschule und Gymnasium total hart. Ich kannte nur Tuwörter und plötzlich waren das Verben. Deswegen bringe ich schon den Erst- und Zweitklässlern die Fachbegriffe bei – Singular, steht für Einzahl, „Denk mal an Single, das ist wenn man keinen Partner hat“. Die Grundschule wird oft als Heiteitei dargestellt und das ist auch gut und wichtig. Aber sie darf es halt nicht nur sein.

Warum Grundschule und nicht Gymi?

Weil man in der Grundschule sehr flexibel sein kann. Als Klassenlehrerin kann ich zum Beispiel selbstbestimmt sagen, dass wenn Deutsch heute richtig gut läuft, wir das dann einfach noch ein bisschen länger machen. Ich bin nicht nur an Stunden gebunden und ich kann sehr kreativ arbeiten.

Unterrichtest du als Grundschullehrerin alle Fächer?

Nein, zum Glück muss ich kein Sport und kein Musik unterrichten, denn da bin ich echt schlecht drin. Und Mathe mache ich auch nicht. Aber ansonsten unterrichte ich alles – Neue Medien, Kunst, Religion, Deutsch, Sachunterricht.

Wir haben das ja mal alle gelernt, aber ich weiß es einfach nicht mehr. Wie bringt man noch mal Kindern Lesen und Schreiben bei?

Früher hat man das mit dem „Fibellehrgang“ gemacht. Also man hat uns gezeigt „Da steht Oma“. Und dann hat man uns gezeigt, das ist ein O, ein M und ein A und das ergibt zusammen eben Oma. Heute lernt man Lesen und Schreiben vor allem durch Anlaute. Es hängt eine Tabelle in der Klasse und man sieht zum Beispiel eine Ameise und daneben steht ein großes und ein kleines „Aa“. Wir üben dann einen Anlaut-Rap – „M wie die Maus“ usw. und das können sich die Kinder sehr gut merken. Und wenn die Kinder dann selber etwas schreiben wollen, gehen sie im Kopf den Rap und die Anlauttabelle durch und schreiben die einzelnen Buchstaben heraus. Der Nachteil der Methode ist, dass man schreibt wie man hört. Daher beginnen wir auch ganz schnell mit Rechtschreibunterricht, in dem Rechtschreibstrategien erlernt werden. Durch diese Anlaut-Methodik gibt es im Ganzen weniger Analphabeten. Ich glaube, dass früher die Worte oft schlicht auswendig gelernt wurden, aber die eigentliche Systematik nicht verstanden wurde.

Wird man als Erwachsener da nicht bekloppt, bei diesem Aneinanderreihen zuzugucken?

Nein, eigentlich nicht. Das erste Schuljahr finde ich immer super spannend, weil die meisten Kinder am Anfang „quasi nichts“ können und hinterher können sie Wörter und Sätze lesen. Was mich eher bekloppt macht, ist, wenn ich bei einer Hotline anrufe und meinen Namen durchgeben muss. M ist dann nicht „mm“ sondern „em“. Da muss ich dann die Kindersprache ablegen. Denn in der Schule darf ich nicht „haaa“ buchstabieren sondern muss „h‘ “ sagen – und das müssen auch die Eltern wissen. Denn bei „haaa“ hören die Kids das „a“ gleich mit und dann schreiben sie nicht Hase sondern „Hse“.

40 Stunden - Anna Halfmann erklärt eine Aufgabe

Hat man als Lehrer wirklich keine Lieblingsschüler?

Ich würde sagen, man hat Schüler, mit denen kann man besser und mit anderen weniger. Aber es gehört zu meinem Beruf, mir das nicht anmerken zu lassen. Das ist Teil von Professionalität.

Ist das schwierig, das durchzuziehen?

Wenn es mir nicht gut geht, dann finde ich das schwieriger durchzuziehen, als wenn es mir gut geht. Mein Geduldsfaden ist dann einfach deutlich kürzer. Als Lehrerin muss ich aber generell aufpassen, dass ich meine Begründung, überhaupt diesen Beruf zu machen, nicht von der Zuneigung der Kinder für mich abhängig mache. Also wenn sie mich einen Tag nicht mögen, dann darf ich das nicht persönlich nehmen. Und ich darf mir auch nicht ihre Nähe holen, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Das geht natürlich gar nicht, dass ich sie bei mir auf den Schoß setze und sage: „So, wir kuscheln mal ne Runde, weil ich das jetzt mal brauche.“

Wie faul sind Lehrer wirklich?

Unser Kollegium ist so jung, da wollen alle etwas erreichen. Aber es ist sicher auch noch mal ein Unterschied zwischen Grundschule und weiterführender Schule.

Und welche Lehrertypen sind faul?

Ich glaube es sind Lehrer, die schon älter sind und die eine gewisse Erfahrung haben. Ich glaube die sehen einfach, worauf es ankommt und können Dinge besser abschätzen. Und es sind sicher die Lehrer, die oft enttäuscht wurden und die der Beruf einfach nicht erfüllt.

Würdest du sagen, dass es total ungerecht ist, dass es in der Gesellschaft dieses Vorurteil der „faulen Lehrer“ gibt, die nur scharf auf lange Ferien sind?

Ja, ich finde das ungerecht. Viele bringen das Argument mit den Ferien. Dann sage ich, „Du hättest das doch auch machen können.“ und dann antworten die, „Ne, ich kann nicht mit Kindern.“ Ja sorry, das bedingt sich nun mal.

Wenn ich an meine Schulzeit denke, dann kommt mir besonders ein Lehrer in den Kopf – Herr Lengefeld. Sport- und Lateinlehrer, spielte Tuba im Schulorchester. Er war gefühlt schon immer Anfang 70, riesiger Bauch, langer weißer Bart und er trug auch im Sportunterricht immer Jeans und Karohemd und hatte Hugo Boss Hosenträger in Neon auf denen „I’m the Boss“ stand. Im Sommer gingen wir zum Laufen in den Wald. Dann hat er mit einem Stock unsere Strecke in die Erde gezeichnet: „Das ist der Leichenweg. Wenn ihr den lauft, dann seht ihr eure Mama nie wieder.“ Wir liefen – einige weinten auch – und er fuhr mit dem Motorroller hinter uns her. Warum werden Menschen Lehrer, die es einfach nicht werden sollten? Und hey, das war nur ein Typ meiner Lehrer.

Oh mein Gott. Ich glaube, es gibt viele Leute, die nicht wissen, was sie studieren sollen und dann machen sie eben Lehramt. Wenn du das dann auf Gymnasium studierst, betrittst du das erste Mal nach dem siebten oder achten Semester eine Schule. Da kommt dann der Realitätsschock, aber dann ist es oft zu spät und man hat schon zu viel investiert, um es sein zu lassen. Ich glaube, man muss vor allem die Arbeit mit Kindern üben und das passiert in der klassischen Uni-Ausbildung viel zu spät.

Und wieso fand ich Lernen in der Schule so langweilig und in der Uni cool?

Ich glaube das ist tatsächlich personenabhängig und kommt sehr stark darauf an, wie jemand zu erreichen ist. Ich glaube nicht, dass die Kinder in meiner Klasse keinen Spaß am Lernen haben. Aber wenn mich einer mit dem Moped verfolgen würde, dann würde ich auch dicht machen. Lernbereitschaft hat auch etwas mit Lehrerpersönlichkeit zu tun.

Hat man es als Lehrer leichter, wenn man streng ist?

Strenge wird heutzutage gerade von den Eltern sehr negativ gesehen. Aber ich sehe das völlig anders. Einmal kam ein kleiner Schüler zu mir, stellte sich vor mich und sagte „Du bist die strengste Lehrerin der Schule.“ Und ich fragte ihn: „Und, findest du das schlimm?“ und er „Nö“. Das genau ist es. Strenge hat nichts mit Gemeinheit zu tun oder mit nicht fair sein. Strenge hat vielmehr etwas mit Klarheit zu tun. Und wenn ich etwas bestrafe, dann muss klar sein, dass ich einen Vorfall bestrafe, aber dass das nicht damit gleichzusetzen ist, dass ich die ganze Person des Schülers nicht mehr mag. Das muss man klar kommunizieren.

Was sind denn die schlimmsten Lehrerfehler?

Das Schlimmste ist wohl, wenn du deine Aufsichtspflicht verletzt und es passiert jemandem was. Und für mich wäre es schlimm, wenn ein Kind Angst vor mir hätte. Und natürlich ist körperliche Bestrafung oder Kinder ganz doll festzuhalten komplett verboten.

Meinst du, das gibt es heute noch?

Ich glaube das gibt es noch, ja. Und ehrlich gesagt ist der Grat auch manchmal schmal, gerade wenn du Inklusionskinder in der Klasse hast. Was machst du, wenn du einen Autisten in der Klasse hast und der schmeißt mit Stühlen um sich. Dann musst du auch die anderen Kinder schützen – und auch dich selbst. Natürlich musst du dann einen Schüler anpacken und das kann dann nicht immer zärtlich sein. Derselbe Junge hat mal ein Mädchen, das nicht seine Freundin sein wollte, bis aufs Klo verfolgt. Sie hat sich eingeschlossen und er wollte unter der Tür zu ihr klettern. Weil er übergewichtig war ist er aber stecken geblieben. Das Mädchen hat so geschrien und bekam natürlich auch die Tür nicht mehr auf, weil der Junge ja fest steckte. In dem Moment habe ich ihr gesagt, sie soll ganz fest drücken und ich habe an seinen Beinen gezogen. Das hat ihm mit Sicherheit weh getan. Da kommst du echt in die Klemme. Und das sind so Situationen, nach denen du hinterher echt fertig bist.

Was bedeutet Erfolg für dich?

Erfolg definiert sich für mich sehr unterschiedlich. Zum einen ist es ein Erfolg für mich, wenn ich merke, dass ein Kind Vertrauen zu mir hat. Einmal hat mir ein Kind erzählt, dass sie häusliche Gewalt erlebt. Das war ein krasser Fall und da war es schön, dass sie Vertrauen zu mir hatte. Und es freut mich auch, wenn Kinder beim Kunstwettbewerb gewinnen oder eine Klassenarbeit besonders gut ausgefallen ist. Und manchmal ist es auch einfach nur ein Erfolg, wenn der Tag rum ist.

Heute ist Freitag und die Woche war lang. Dennoch, wie happy bist du mit deinem Job?

Ich mache das gerne. Ich liebe den Beruf, auch wenn ich so meine Geschichten habe. Aber er ist halt trotz allem wahnsinnig anstrengend. Ich merke einfach, dass der Job mich körperlich und auch geistig immer wieder an Grenzen bringt. Aber letztlich kann ich mir nichts anderes vorstellen.

Schööööööönes Wochenäääände, Frau Halfmann.

Euch, auch!

Text: Julia Kottkamp
Fotos: Romy Geßner

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Julia Kottkamp Gründerin und Autorin Julia Kottkamp

Julia hat Journalistik studiert und arbeitet als Texterin und Kommunikationsberaterin. In ihrer Arbeit geht es immer um das Gespräch mit Menschen. Zuhören, verstehen und daraus Kommunikation entwickeln.

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Romy ist freiberufliche Fotografin und Diplom-Übersetzerin. Ihre große Leidenschaft sind Bilder von Menschen in ihrer Arbeitsumgebung. Sie steht für authentische Portrait- und Businessfotografie und sie liebt Reportagen.

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4 Kommentare

  1. 17. Juni 2016 Gemma sagt:

    Ihr Lieben,
    auf dem Foto, welches Frau Halbmann an ihrem Smartboards zeigt, ist ein Rechtschreibfehler. An dieser Stelle wird „das“ nicht mit Doppel s geschrieben. Das finde ich ein bisschen peinlich für einen Lehrer-Bericht.

  2. Liebe Gemma!
    Danke für den Hinweis. Wir geben Frau Halfmann (schreibt sich übrigens mit f und nicht b – aber Fehler passieren ?) Bescheid.

  3. Fr. Halfmann ist garnicht so streng ich hätte da noch eine Frage „Hat Frau Halfmann diesen Bericht bei euch abgegeben „?
    Freu mich auf eine Antwort möglichst schnell
    LG Marie

    1. Hi Marie,
      bist du eine Schülerin von Frau Halfmann oder kennt ihr euch persönlich?
      Wir haben mit Frau Halfmann dieses Interview geführt. Wir haben die Fragen gestellt, sie hat geantwortet. So kam dieser Bericht zustande. Beantwortet das deine Frage?
      Viele Grüße von Julia

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