Anwalt für Umgangs- und Sorgerecht Matthias Bergmann

Es gibt kaum Eltern, die bewusst nicht lieben.

Anwalt für Umgangs- und Sorgerecht Matthias Bergmann
Matthias Bergmann vorm Oberlandesgericht

Matthias Bergmann ist Anwalt für Umgangs- und Sorgerecht. Der Streitwert eines Verfahrens, bei dem es um das Schicksal von Kindern geht, wird vom Gesetz auf nur ca. 3.000€ festgesetzt. In der Realität geht es um mehr. Nicht selten um alles. Ein Gespräch über das Kindeswohl, Misshandlungen und den beruflichen Erfolg durch Sinnhaftigkeit.

Eltern streiten untereinander. Das Jugendamt nimmt Kinder aus Familien. Pflegeeltern kämpfen um ihre Pflegekinder. Woher wissen Sie in Ihrem Beruf, was das Beste für ein Kind ist?

Das weiß ich nicht. Das weiß einfach keiner. Was mir oft im Gerichtssaal fehlt, gerade von den professionellen Beteiligten, also dem Jugendamt, dem Richter und den Gutachtern, ist, ein bisschen mehr Demut. Niemand kann die Zukunft vorher sagen. Es gibt so viele verschiedene Erziehungsstile – schon in intakten Familien. Was in der einen Familie als grobe Unhöflichkeit gilt, ist in der anderen Familie völlig normal. Man kann schlicht nicht wissen, was das Beste für ein Kind ist.

Worauf verlassen Sie sich dann, wenn Eltern zu Ihnen kommen und im Konflikt mit dem Jugendamt stehen? Woher wissen Sie, dass die Eltern vernünftig mit ihrem Kind umgehen und das Jugendamt kein Recht hat, einzugreifen?

Mein erster Grundsatz ist: Fälle, in denen man sich über das Kindeswohl sicher ist, sind extrem selten. Der Zweite ist, dass das Herausnehmen aus der leiblichen Familie für die Kinder auf jeden Fall, selbst in Misshandlungsfamilien, eine schwerwiegende Traumatisierung bedeutet. Das heißt, nur wenn ich wirklich mehrere verlässliche Anzeichen für die Gefährdung eines Kindes habe, kann man rechtfertigen, einzugreifen.

Kommt es vor, dass Sie an Eltern und deren Umgangs- und Erziehungsstil zweifeln?

Ja, häufiger.

Was machen Sie dann?

Gar nichts.

Sie lehnen das Mandat also nicht ab?

Nein. Das wäre in meinen Augen auch ganz schlimm. Bloß weil ich Zweifel an den Eltern habe, heißt das ja noch lange nicht, dass das auch berechtigt ist. Gerade wenn ich Zweifel habe, ist es mein Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Sicht der Eltern vor Gericht zum Tragen kommt. Gerade dann muss doch mit Methoden, Sorgfalt und Vorsicht überprüft werden, was da tatsächlich ist.

Laienhaft könnte man jetzt sagen, der Anwalt verdient viel Kohle und es ist ihm egal, was aus dem Kind wird – er haut halt die Mandanten raus.

Ja, Laien denken in rechtlichen Geschichten viel zu oft an das Strafrecht. Das interessante ist aber, dass es kaum Eltern gibt, die bewusst nicht lieben sondern schädigen wollen. Ich habe das noch nie erlebt – bzw. vielleicht ein Mal. Meine Mandanten wollen aus ihrer Sicht auch das Beste für ihr Kind. Ich sorge dafür, dass ein Verfahren durchgeführt wird und so tatsächlich geprüft wird, fernab von Annahmen und Behauptungen. Am Ende entscheidet das Gericht, nicht der Anwalt.

Matthias liest im Gesetzbuch

Hatten Sie schon mal einen Mandanten, wo Sie im Nachhinein gedacht haben, hätte ich das mal lieber nicht gemacht?

Nein.

Reden wir mal über Erfolg. Was ist das für Sie?

In der Arbeit ist Erfolg für mich Zufriedenheit. Das Gefühl, dass ich mit einem sehr großen Teil meines Lebens etwas Sinnvolles mache, was ich qualitativ auf einem sehr hohen Niveau beherrsche und wo immer neue Sachen kommen. Ich gehe relativ wenig über die finanzielle Seite. Der eigentliche Erfolg ist für mich, Probleme zu lösen, die eine größere Wirkung haben.

Was genau ist das Sinnvolle an Ihrem Beruf?

Das geht bei mir sehr über ein Gerechtigkeitsempfinden – auch wenn das hochtrabend klingt. Ich trage in meinen Augen dazu bei, dass in sehr schwierigen emotionalen Situationen, eine hoffentlich versöhnlichere, aber auf jeden Fall gerechtere Lösung gefunden wird. In vielen Fällen gebe ich Leuten, die unter sehr großem Druck stehen und sich deutlich außerhalb ihres Komfortbereichs befinden, eine vernünftige Stimme, damit sie überhaupt wahrgenommen werden. Das Gefühl, Konflikte, wenn schon nicht zu befrieden, sie aber wenigstens in nachvollziehbare Verhältnisse und gelenkte Bahnen zu bringen, das gibt mir viel. Die tollsten Fälle sind die, wo man tatsächlich die Lösung eines Konflikts erreicht. Aber die sind wahnsinnig selten.

Was sind die wichtigsten Fähigkeiten, die Sie beherrschen müssen, um gut in Ihrem Job zu sein?

Ich brauche eine sehr ausgeprägte Fähigkeit, eine Geschichte erzählen zu können, denn ich muss die Darstellung eines Mandanten in einem Schriftsatz oder auch in einem mündlichen Vortrag vor Gericht verständlich machen. Dann ist in meinen Augen sehr wichtig, mit Menschen so zu reden, dass sie einem vertrauen. Und ich muss in den juristischen Sachverhalten sehr gut sein. Außerdem brauche ich die Fähigkeit, die Dinge nicht mit nach Hause zu nehmen.

Was sind für Sie Niederlagen?

Wenn ich juristische Fehler mache – das ist zwar selten, aber es kommt vor. Es gibt Fälle, bei denen ich denke, das hätte einfach anders ausgehen müssen. Da sitze ich dann schon da und frage mich, ob ich noch hätte etwas anderes vortragen können, noch ein Argument hätte bringen können, das überzeugt hätte. Aber am Ende muss man dann irgendwann den Perfektionismus abschalten. Eine gewisse Distanz ist einfach sehr wichtig.

Kontakt zu Matthias Bergmann: www.anwalt-kindschaftsrecht.de

Text: Julia Kottkamp
Fotos: Romy Geßner

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Matthias Bergmann am SchreibtischMatthias Bergmann - Anwalt für Kindschaftsrecht

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Julia Kottkamp Idee und Redaktion Julia Kottkamp

Julia hat Journalistik studiert und arbeitet als Texterin und Kommunikationsberaterin. In ihrer Arbeit geht es immer um das Gespräch mit Menschen. Zuhören, verstehen und daraus Kommunikation entwickeln.

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Romy ist freiberufliche Fotografin und Diplom-Übersetzerin. Ihre große Leidenschaft sind Bilder von Menschen in ihrer Arbeitsumgebung. Sie steht für authentische Portrait- und Businessfotografie und sie liebt Reportagen.

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