Bilderrahmenbauerin Frida Kappich

Ich schleiche mich in jedes Bild.

Bilderrahmenbauerin Frida Kappich
Rahmenkünstlerin am Tisch stehend und rahmt ein Bild

Frida Kappich ist Bilderrahmenbauerin – sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, die sie lieber als Sekretärin, Ärztin oder Verkäuferin gesehen hätte. Frida aber ging ihren Weg. Ein Gespräch über Kunstbanausen, klamme Künstler und ein Leben in der vermeintlich zweiten Reihe.

Zu Beginn muss ich gleich etwas gestehen: Alle meine Bilder hängen in IKEA Bilderrahmen.

Ooooops. Aber: Das ist der Anfang einer Bildpräsentation. Erst kommt das Poster mit der Nadel in der Wand und dann kommt der IKEA Rahmen. Es zeigt, dass deine Bilder dir wichtig sind und du sie wertschätzt. Aber dein Portemonnaie gibt dir vor, was du dir leisten kannst. Der IKEA Rahmen ist nicht schlecht, aber er ist eben nur der Anfang und die Entwicklung geht weiter.

Was kannst du, was IKEA nicht kann?

Ich fertige den Rahmen individuell nach dem Motiv an. Das Motiv sagt mir, was für ein Rahmen drum herum muss – also welche Leisten ich nehmen muss. Und das kombiniere ich mit deinen Wünschen – ob rund oder eckig. Wenn ich IKEA Rahmen sehe, dann gehe ich sehr verständnisvoll damit um. Es ist ein Weg, die Leidenschaft zu entdecken, dass der Rahmen wichtig ist. Ich habe ganz viele tolle Bilder und Rahmen zu Hause und meine Kinder entdecken erst jetzt den Rahmen. Sie sind über 30.

Ist der Schritt den Rahmen zu entdecken also ein Ding von erwachsen werden?

Es ist ein Ding von „Prioritäten setzen“. Ein Bild ist etwas sehr Persönliches. Wenn ich ein Bild habe, dann ist ein Stück von mir selber in dem Bild drin, eben weil ich es sehr liebe. Ich sehe ein Bild und sage: „Wow, das muss ich haben.“ Und der Rahmen ist einfach ein wertvolles Möbel. Und dieses Möbelstück darf auch Geld kosten und natürlich geht das von bis und hat nach oben keine Grenzen. Aber wenn man in dem Alter ist, in dem man sich eine Kommode für fünftausend oder siebentausend Euro kauft, dann bin ich der Meinung, dass ein Bilderrahmen auch ruhig, tausend, zweitausend oder dreitausend Euro kosten darf. Ich sehe das so: Der Rahmen ist ein sehr, sehr persönliches Möbel, das an der Wand hängt.

Print-Bilder in der Werkstatt liegend

Aber es geht doch um die Kunst, oder nicht? Ich will doch kein Möbel an der Wand, sondern den Picasso.

Jedes Bild, das keinen Rahmen hat, ist nackt – auch ein Picasso. Der Rahmen bildet immer den Abschluss. Mit dem Rahmen kann ich etwas im Bild unterstreichen, oder ich kann etwas hervorheben oder zurückdrücken. Der Rahmen ist wichtig, weil das Bild erst mit ihm angezogen ist. Der Rahmen ist wie ein Kleid.

Angenommen ich wäre Picasso, würde ich an diesem Punkt sauer werden und sagen: Liebe Frau Kappich, was fällt Ihnen ein, mir zu sagen, dass mein Bild noch nicht perfekt ist. Was bilden Sie sich ein?

Es gibt sehr viele Künstler, die behaupten, dass ihre Bilder keine Rahmen brauchen. Ich möchte es so sagen: Es gibt zwei Arten von Kunst. Einmal ein Bild zu erstellen und einmal es anschließend anzuziehen. Der Künstler verkauft seine Kunst und legt darauf seine Priorität. Er hält sein Bild für perfekt und das ist ja auch in Ordnung. Aber mal fernab der Liga von Picasso: Künstler haben kein Geld. Die haben schlicht nicht die finanziellen Möglichkeiten, ihre Kunst würdig zu rahmen und so hängen sie im Original eben nackt da. Ich habe es oft erlebt, dass Kunden zu mir kommen und sagen „Der Künstler hat zwar gesagt, es braucht keinen Rahmen, aber ich hätte gerne einen.“ Dann baue ich einen Rahmen für den Kunden und wenn der Künstler dann noch mal die Möglichkeit hat, sein Bild zu sehen, sagt er fast immer „Wow!“.

Picasso und du würdet also doch Freunde?

In gewisser Weise schon. Ich unterstütze sein Bild und hole den Fokus raus.

Wie genau machst du das?

Ich sehe ein Bild und ich sehe gleichzeitig den passenden Rahmen dazu. Ich sehe die Kombination vor mir, ohne, dass sie fertig ist. Das, was ich sehe, beschreibe ich den Leuten. Und weil ich es so deutlich erkennen kann, kann ich derart spannend in Bildern sprechen, dass die Leute neugierig werden. Wenn mir die Kunden dann nicht sofort vertrauen, sage ich ihnen: „Sollte ich falsch liegen, nehme ich alles zurück.“ Aber ich weiß, dass ich nicht falsch liege. Ich habe in meinem ganzen Berufsleben erst einen Rahmen überarbeiten müssen.

Woher kommt diese Sicherheit?

Das ist mein Auge. Und ich vertraue meinem Auge so sehr, dass ich keinen Widerstand zulasse. Mein Auge ist sehr gut und ich habe genügend Erfahrung. Widerstände vom Kunden lasse ich erst zu, wenn ein Rahmen fertig ist. Bis dahin muss er warten.

Verstehe ich das richtig, dass du durch die Welt gehst und wichtige Objekte werden von deinem Gehirn automatisch in einen Rahmen gesteckt?

Ja.

Collage von Arbeitsprozess einer Rahmung - 40 Stunden

War das schon immer so?

Ich würde sagen, diese Fähigkeit ist im Laufe der Zeit extremer geworden. Ich habe Kunsttischlerin gelernt und auch das Handwerk der Vergolderin. Insofern habe ich mich immer mit Bildern auseinandergesetzt und habe meine Liebe dazu entdeckt. Dass ich „etwas sehe“, was andere nicht sehen, ist mehr geworden. Ich lege die passenden Leisten um ein Bild und der Kunde sagt sofort: „Ja, jetzt sehe ich es auch.“ Ein Bild hat dann einfach eine andere Wirkung und scheint edler. Es ist ganz einfach: Wenn ich ein Bild beziehungsweise die darin enthaltenen Farben nicht begrenze, dann laufen sie aus. Du musst es einfach abgrenzen. Das steht nirgendwo geschrieben. Aber ich sage dir, es ist Gesetz.

Was war für dich das außergewöhnlichste Kunstwerk, das du jemals gerahmt hast?

Das war ein Teppich aus Persien, der sehr, sehr alt war und einen Wert von knapp 300.000 € hatte. Die Maße waren 180 x 140 cm. Für diesen großen Teppich habe ich dann einen sehr zierlichen Rahmen gebaut, der allerdings hinten mit Stahlstützen verstärkt war, weil der Teppich 30 kg gewogen hat. Da der Teppich selber einen hohen Seidenanteil hatte, habe ich auch den Rahmen, innen den Hintergrund, mit Seide verkleidet. Und er wurde durch ein spezielles Glas, ein Museumsglas, vor Sonnenstrahlung geschützt. Schon alleine das Glas hat damals 8.000 € gekostet. Am Ende war das der teuerste Rahmen, den ich je gebaut habe – 30.000 €. Das war irre und aufregend.

Und hast du auch schon berühmte Schätze gerahmt?

Ich hatte mal eine kurze Zeit von einem Kunstsammler sehr hochpreisige Werke in der Werkstatt stehen, darunter von Fernando Botero, Terry Rodgers und Andy Warhol. Damals war ich so nervös, dass ich dachte, ich muss in der Werkstatt schlafen. Da habe ich die Alarmanlage doppelt und dreifach kontrolliert. Und für einen Schweizer Kunden habe ich mal zwei Jahre an einem Rahmen für einen Dalí gearbeitet. Der Kunde ist immer wieder nach Hamburg gekommen und hat sich jeden Schritt angeschaut. Die Leisten haben wir mit Platin belegt. Im Rahmen wurden weitere Rahmen eingesetzt, um ihn treppenförmig aufzubauen, weil das Bild selber auch eine ganz starke Perspektive hatte. Dann habe ich Passepartouts angefertigt und sie gepudert. Das Ergebnis nach zwei Jahren war sehr beeindruckend und ziemlich cool. Der Rahmen war spektakulär und hat dennoch das Bild kein bisschen weggedrückt.

Du selber bist ja eine Mischung aus Handwerkerin und Künstlerin. Will die Künstlerin in dir nicht auch mal in der ersten Reihe stehen?

Wenn ich mich mit meinen Rahmen in die erste Reihe stelle, dann habe ich sehr unglückliche Kunden. Die Kunden lieben ihr Bild, egal ob es eine Kinderzeichnung ist oder das Größte und Teuerste überhaupt. Wenn ich meinen Kunden ihren kleinen Schatz nehme, indem ich ihn seiner Präsenz beraube, dann bin ich eine sehr schlechte Rahmerin. Ich entwickle ganz tolle Rahmen, aber sie fallen niemals ins Gewicht.

Kann man demnach sagen, dass man in deinem Beruf in der Lage sein muss, permanent in der zweiten Reihe zu stehen?

Ja, vorne muss immer das Bild sein. Letztlich stehe ich mit meinem Rahmen in der zweiten Reihe, bin aber irgendwie in der ersten Reihe mit drin. Ich schleiche mich da rein. Ich möchte auffallen und doch nicht auffallen. Es ist eine gesunde Mischung, ein Grat. Das Reinschleichen ist pure Empfindung – ich gehe auf Tuchfühlung. Es ist ein Spüren: Was passt zum Kunden, was braucht das Bild? Ich will dem Kunden helfen und dem Bild Unterstützung geben. Ich werde mit meinem Rahmen ein Teil vom Bild und das ist ein ganz tolles Gefühl. Daher tut es mir auch weh, wenn wunderschöne Kunst in ganz schlimmen Rahme eingesperrt ist. Meine Aufgabe ist es, mit dem Rahmen eine spürbare Präsenz zu schaffen, die aber dennoch nicht „Wow“ ins Auge knallt. Der Rahmen muss ermöglichen, ein Gesamtkunstwerk zu sehen. Wenn mir das gelingt, habe ich meine Arbeit zu 100% erledigt.

Was ist Erfolg für dich?

Glück. Wenn ich das Glück sehe, dann habe ich Erfolg.

Wie sieht das Glück aus?

Glück sieht man, wenn Menschen zufrieden sind. Und wenn ich den Menschen ihr Glück ansehe, dann bin ich selber glücklich. Ich hatte einmal einen Kunden, der hatte sehr viele, sehr teure Bilder. Er hat sich komplett auf mich verlassen und ich habe sie ihm alle neu gerahmt. Als er hinterher seine Schätze an der Wand gesehen hat, sagte er: „Ich habe nie meine Bilder gesehen.“ Ein größeres Kompliment konnte er mir nicht machen. Es ist für mich das größte Geschenk, dass ich meinen Job so liebe. Ich gehe hier auf, es ist pure Leidenschaft. Diese Halle hier ist wie mein Wohnzimmer. Ich bewege mich hier in absoluter Sicherheit. Ich hole auch jeden Menschen in die Werkstatt rein. Ich lebe und liebe diesen Beruf mit jeder Faser. Und wenn es doofe Sachen gibt, dann sind die passiert, damit ich etwas lernen muss. Da gehe ich dann ran, krempel die Ärmel hoch und bereinige das wieder.

Und was machen wir nun mit meinen IKEA Rahmen?

Irgendwann baue ich dir einen Rahmen und ab dann, möchtest du nie wieder etwas Anderes.

 

Blick in die Werkstatt von Frieda Kappich von außenDetailbild KundenauftragFrida Kappich am Tisch stehend bei der ArbeitDetailbild Blattgold in GläsernAuftragen von Blattgold auf einen RahmenDetailbild Pinsel und SchreibtischBlick in die Werkstatt von Frieda KappichSchwarz-weiß Portrait von Frida Kappich - 40 Stunden

Weitere Interviews

Julia Kottkamp Gründerin und Autorin Julia Kottkamp

Julia hat Journalistik studiert und arbeitet als Texterin und Kommunikationsberaterin. In ihrer Arbeit geht es immer um das Gespräch mit Menschen. Zuhören, verstehen und daraus Kommunikation entwickeln.

Mehr über Julia
Kerstin Petermann Fotografie Kerstin Petermann

Kerstin arbeitet als Fotografin im Bereich Portrait und Reportage. Sie reist gern und viel, lebt bunt und intensiv, liebt aber dennoch die stillen Momente. Ihre Leidenschaft hat sie zum Beruf gemacht.

Mehr über Kerstin
Dieses Interview ist Dir was wert? Unterstützen per PayPal

5 Kommentare

  1. 9. Juni 2017 Wally Malmedie sagt:

    Großartiges Interview , sehr gute Recherche ! Bilder wunderbar super gemacht!! Kompliment !!!

    1. Vielen Dank! 🙂

  2. 12. Juni 2017 Margot Irmgard Bramekamp sagt:

    Das Interview ist super und Friederike ist einfach eine tolle und besondere Frau !!! Ich wünsche ihr weiter viel Erfolg. !! – Liebe Grüße aus Ohlstedt.

    1. Danke sehr!

  3. 18. Juli 2017 Fritz Graf sagt:

    Zum Thema Bild und Rahmen möchte ich gerne an den Blauen Reiter erinnern. Alle und besonders Gabriele Münter und Kandinsky haben sich mit Hinterglasmalerei beschäftigt und dabei die volkstümliche Sitte übernommen, die Rahmen mit den Farben des Bildes zu bemalen und so eine innige Verbindung zwischen Rahmen und Bild herzustellen.

Schreibe einen Kommentar

* Pflichtfeld