LKW-Fahrer Eric Springstübe

Einen VW-Lupo kann kein Mensch ernst nehmen.

LKW-Fahrer Eric Springstübe

Eric Springstübe ist LKW-Fahrer. Einer, der seinen LKW liebt und am liebsten auch am Sonntag zum Kaffee bei der Oma mit dem 40-Tonner vorfahren würde. Dumm, dass das nicht immer geht… Ein Gespräch über das Leben auf der Straße, Pornoheftchen und die Größe von anständigen Fahrzeugen.

Heute treffen die Kleinste und der Größte des Straßenverkehrs aufeinander. Ich Fahrrad, du LKW. Vertragen wir uns?

Ihr Fahrradfahrer denkt, wir sehen alles. Das mit dem toten Winkel versteht ihr einfach nicht. Bis wir euch nicht sehen. Aber hier sehe ich dich von Angesicht zu Angesicht und wir sollten klar kommen.

Ist das Verhältnis zu deinem LKW so romantisch, wie ich mir das jetzt vielleicht vorstelle? Und das fragt jemand, der sein Fahrrad in sein Wohnzimmer trägt.

Also eigentlich ist der LKW nur ein Arbeitsgerät. Aber wenn man wie ich Diesel im Blut hat, dann ist das halt auch ein Spaßfaktor. Man gestaltet sich seinen LKW und macht was draus. Mein LKW ist mein Wohnzimmer. Und in diesem Wohnzimmer wird zum Beispiel nicht mit Straßenschuhen gefahren.

Du wechselst die Schuhe, wenn du in den LKW steigst?

Ja, es gibt Straßenschuhe und LKW-Schuhe – so wie Hausschuhe. Das sind reinliche Gründe. Der LKW soll von innen sauber bleiben – kleiner Splin aus Fernfahrerzeiten.

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Bitte erzähl mir mehr.

Der LKW ist voll ausgestattet, hat Ledersitze und dann noch hier und da ein bisschen Leder an den Seiten. Und Teppich.

Teppich?

Ja, in der Mitte ist so ein kleiner Teppich. Das ist einfach eine Materie, die der normale Bürger nicht versteht. Aber es gibt da eine extra Szene für. Die meisten lachen sich schlapp. Aber ich denke mir, dass ich am Tag zehn bis zwölf Stunden mit dem LKW unterwegs bin. Und als Fernfahrer verbringst du die ganze Woche da drin. Deshalb wird mein LKW von innen wie mein Wohnzimmer zu Hause behandelt. Und da liegen auch Swiffer und Luftpistole parat, um gegen Staub vorzugehen.

Geil.

Ich glaube, es gibt auch LKW-Fahrer, die einfach so ein- und aussteigen. Aber ich bin halt ein LKW Fahrer mit Leidenschaft.

Du hast eben gesagt, dass du Diesel im Blut hast. Was bedeutet das?

Dass ich mit dem Herz dabei bin. Es gibt Leute, die gehen morgens zur Arbeit, machen ihren Job und das wars dann. Und es gibt Leute, die gehen mit Spaß zur Arbeit und mit Lust und machen ihren Job mit Liebe. Und da würde ich mich zuzählen.

Warum liebst du deinen Job?

Weil ich jeden Tag das große Unbekannte bewege. Das große Monster.

Angenommen, dein LKW wäre nicht groß sondern klein, wärst du dann auch LKW-Fahrer aus Liebe?

Nein, wahrscheinlich nicht. Ich will auch nur 40-Tonner fahren. Da drunter geht nichts.

Was bedeutet diese Größe für dich?

Macht und Freiheit. Ich habe die Macht über die Kraft des LKWs. Man muss diese vierzig Tonnen nämlich beherrschen. Und das ist immer auch ein gewisser Nervenkitzel.

Warum bist du LKW Fahrer geworden?

Als Kind wollte ich immer zur Feuerwehr. Das wurde nur leider nie was, weil ich als kleiner Junge Krebs hatte und ich bei den Auswahltests nie durchgekommen bin. Deswegen war ich auch nicht beim Bund. Ich habe Koch gelernt, habe aber den Abschluss nicht gemacht. Und dann wollte ich Rettungsassistent werden, aber das ging nicht, weil das Arbeitsamt das nicht unterstützt hat. Und so wurde ich Altenpfleger.

 

Warte mal kurz. Der Mann, der mir gerade von großen Karren und Leder und Macht erzählt, hat sich auch um Omis gekümmert – ganz klein und zerbrechlich?

Ja, das stimmt. Das waren harte Arbeitsbedingungen. Mein Betrieb ist dann leider pleite gegangen. Ich hatte nur das kleine Examen gemacht und für das große Examen hätte ich nach Hamburg gehen müssen. Ich lebte zu der Zeit in Lauenburg, hatte aber kein Auto, um in die Stadt zu fahren. Und letztlich wollte ich ja auch nie wirklich Altenpfleger werden. Und dann kam ein Angebot, LKW zu fahren. Das erinnerte mich an meinen Jugendtraum von der Feuerwehr. Und jetzt bin ich seit acht Jahren LKW-Fahrer.

Früher warst du als Fernfahrer unterwegs. Wie ist das, auf den Rasthöfen dieses Landes zu Hause zu sein?

Die Realität ist, dass du ab 14 Uhr anfangen musst, einen Parkplatz zu suchen, da die Rasthöfe sonst voll sind. Das kannst du dir aber natürlich nicht leisten, weil du zu deinen Kunden musst. Wenn du Pech hast, kommst du dann abends auf überfüllten Plätzen an und musst auf den Auffahrrampen parken – also noch halb auf der Autobahn. Tja, und dann haust du auf drei bis fünf Quadratmetern, egal bei welcher Temperatur. Dusche und Klo gibt es nur auf den Rasthöfen und die sind viel zu oft unter aller Sau und überteuert. Das Schärfste was ich mal erlebt habe: fünf Minuten duschen für vier Euro.

Krass.

Mittlerweile kannst du solche Kosten ja dann von der Steuer absetzen aber weißt du, wie viele Belege ich da aufbewahren muss? Realität ist auch, dass du permanent schlechtes Essen kriegst für wahnsinniges Geld. Ne bummelige Bockwurst kostet dann schnell vier bis sechs Euro. Man wird viel zu oft wie Dreck behandelt. So nach dem Motto der LKW-Fahrer ist dumm, dreckig und stinkt. Und das denken ja auch die normalen Leute. Die denken sich den LKW-Fahrer in Jogginghose, Badelatschen und Achselhemd, unrasiert und mit Schweißgeruch.

Und mit Pornoheftchen. Ich habe mal eine zeitlang an einer Tankstelle gearbeitet und ich schwöre dir bei meinem Leben, dass die meisten Heftchen an die LKW-Fahrer verkauft wurden.

Kann schon sein. Also ich habe auch einen Pinup-Kalender im LKW hängen. Aber ich bin wirklich keiner, der sich die Coupé an der Tankstelle kauft. Wie auch immer. Ich war immer auch froh über die wenigen guten Autohöfe, wo der LKW-Fahrer auch noch was wert war. Die Leute sind allgemein viel zu oft vom LKW genervt und regen sich über den Fahrer auf. Es wird vergessen, was der LKW leistet. Der versorgt einfach alle. Die Tankstellen, Supermärkte, die Baustellen. Ohne den LKW würde einfach nichts funktionieren. Es muss endlich mal in der Bevölkerung fruchten, dass der LKW Gutes bringt.

Haltet ihr LKW-Fahrer untereinander wenigsten zusammen und sitzt dann abends zusammen und spielt Karten und trinkt Bier?

Früher war es schwierig, sich zu Fahrern zu setzen, die du nicht kanntest, ohne dass da Alkohol im Spiel war. Die meisten reißen da schon ziemlich schnell ne Pulle auf. Aber für mich war das nie eine Befriedigung. Ich kann mir nicht am Abend einen Sixpack reinkloppen und am nächsten Morgen vierzig Tonnen bewegen. Im Fernverkehr bist du einfach auf dich alleine gestellt und das vergessen viele. Du bist ein Einzelkämpfer, jeden Tag. Mittlerweile hat sich die Situation ein bisschen geändert. Facebook sei Dank. Es gibt ganz viele Fernfahrer-Gruppen und so verabredet man sich dann mit Leuten in der Nähe, die man kennt. Und spielt Schach.

Schach?

Ja.

Im Ernst, ihr spielt Schach?

Nein, natürlich nicht. Schach doch nicht. Wir sitzen am Tisch und schnacken. Und wenn es nur dummes Zeug ist, um das Heimweh zu vertreiben. Du fährst 500-700 Kilometer am Tag, bist weit von zu Hause weg. Das ist echt nicht einfach.

Heute, mit Frau und Kind, fährst du im Nahverkehr, schläfst also zu Hause. Du hast die Autobahn gegen die Stadt getauscht. Auf der Autobahn, denke ich, kann man Bums geben. Jetzt in der Stadt bremst du doch nur, oder? Macht dir der Job da noch Spaß?

Das Bremsen nervt schon. Und du schlägst dich mit Staus, PKWs, Fahrradfahrern und Fußgängern rum. Die Leute schätzen so einen LKW einfach falsch ein. Die haben kein Gefühl für die Masse, den Bremsweg und die Beschleunigung.

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Wie viele Unfälle gibt es so?

Letztes Jahr hatte ich zwei Rempler. Das wirklich Dumme ist, dass du als LKW-Fahrer meistens eine Teilschuld hast, weil du eben größer als der andere bist.

Ha, das ist genauso scheiße wie ältestes Geschwisterkind sein!

Stimmt total! Aber neulich ist mir mal einer reingerutscht. Ha, und da war nur er schuld. Ich stand nämlich! Aber so ist Baustellenverkehr. Kratzer passieren. Das nervt und du ärgerst dich, aber es ändert nichts. Das ist wie Autowaschen und am nächsten Tag kackt dir ein Vogel auf den Lack.

Du fährst jetzt den ganzen Tag „Schüttgut“ durch die Gegend – also Sand, Kies und Steine. Hat man als LKW-Fahrer eigentlich irgendeine emotionale Bindung zu seiner Ladung?

Ne, gar nicht. Die merkst du nur im Rücken. Wobei, einmal habe ich einen Tag lang Lebendvieh gefahren. Das muss man dann schon mögen. Die Leute denken immer, das wäre Tierquälerei, aber ich denke, dass das einfach auch ein Job ist, der gemacht werden muss. So wie Müllmann, das will auch keiner machen.

Das heißt, es gibt quasi nichts, was du nicht transportieren würdest?

Ich würde auf keinen Fall Container fahren. An den Terminals gerade in Hamburg geht es heiß her, weil die Jungs nach Touren bezahlt werden. Die müssen richtig Gas geben.

Ähm, kurzer Stop, Mädchenfrage. Es macht also einen Unterschied, ob ich einen LKW mit einem Container fahre oder mit so einem Planen-Dings oder mit einem Kipper?

Ja, natürlich. Das ist ein riesiger Unterschied. Bei so einer Plane musst du richtig viel ackern. Wenn das Ding von hinten beladen wird, dann geht das. Aber von oben oder von der Seite dann musst du die ganze Plane abnehmen. Container fahren ist nicht anstrengend aber für mein Gefühl eher langweilig, weil der Container dir einfach aufgestellt wird. Und beim Kipper geht alles automatisch, aber du musst höllisch aufpassen, dass du nicht ins Rutschen kommst. Da brauchst du jede Menge Geschick und Können, auch, weil du immer in die engsten Löcher rein musst, eben genau da hin, wo das Material gebraucht wird. Du musst da hin, wo sonst keiner hin will.

Das heißt, das besondere am LKW fahren ist nicht nur das Fahren an sich, sondern auch das Beladen und Entladen?

Richtig. Großer Punkt.

Was ist für dich Erfolg?

Das ist einfach: Wenn ich den LKW heile lasse. Und wenn der Chef zufrieden ist.

Eine Sache noch. Du hast mich eben freundlicherweise vom Bahnhof abgeholt. Hat mich mein Eindruck getäuscht oder hast du dich indirekt wirklich bei mir entschuldigt, dass du mich mit dem Lupo deiner Frau abholst.

Ja, habe ich – war mir unangenehm.

Also ehrlich gesagt, war mir das völlig egal – ich bin Radfahrer.

Mir aber nicht. Wenn du meinen LKW sehen würdest, dann würdest du „Oh“ sagen und große Augen machen. Aber einen kleinen Lupo. Das kann doch kein Mensch ernst nehmen.

Text: Julia Kottkamp
Fotos: Romy Geßner

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Julia Kottkamp Idee und Redaktion Julia Kottkamp

Julia hat Journalistik studiert und arbeitet als Texterin und Kommunikationsberaterin. In ihrer Arbeit geht es immer um das Gespräch mit Menschen. Zuhören, verstehen und daraus Kommunikation entwickeln.

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Romy ist freiberufliche Fotografin und Diplom-Übersetzerin. Ihre große Leidenschaft sind Bilder von Menschen in ihrer Arbeitsumgebung. Sie steht für authentische Portrait- und Businessfotografie und sie liebt Reportagen.

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1 Kommentar

  1. Das ist eine schöne Geschichte und einfach gute Fragen!

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